Besuch auf dem 10. Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg

Am 23. und 24. September hat der 10. Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg stattgefunden. Zum Auftakt am Dienstag war Jonas, am zweiten Kongresstag Thomas für uns vor Ort. Beide berichten nun von den Themen und ihren Erlebnissen vom Kongress, der sich selbst als „die Plattform des Austauschs der Verantwortlichen aus den Unternehmen der Gesundheitsindustrien, der verschiedenen Gesundheitsdienstleister, der Serviceanbieter, Finanzdienstleister und Fachberater, der Einrichtungen der Forschung und Lehre sowie der Krankenkassen und der Versicherungen“ beschreibt.

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Jonas Pendzialek

Am 23. September 2014 nahm ich an der 10. Ausgabe des Gesundheitswirtschaftskongress (#gwk14) in Hamburg teil, nach Aussage des Kongresspräsidenten Ulf Fink „der wichtigste Kongress im Gesundheitswesen nach der Sommerpause“. Der Hinweis auf die Sommerpause ist eine klare Referenz an die Schwesterveranstaltung, den Hauptstadtkongress in der ersten Hälfte des Jahres. Die Möglichkeit zum Besuch hatte ich als Mitglied des Young Lions Gesundheitsparlament kurzfristig bekommen und gerne angenommen. Schließlich bietet so ein Kongress mit vielen anwesenden Spitzenvertretern unseres Gesundheitswesens einen guten Einblick in die aktuellen Trends und Themen der deutschen Gesundheitswirtschaft.
Für mich begann der Kongress mit der Podiumsdiskussion „Handeln statt Jammern: Unternehmen brauchen Wettbewerb“, an der unter der Moderation von Kongresspräsident Prof. Heinz Lohmann Prof. Montgomery (Ärztekammer), Herr Dänzer (DKG), Dr. Bracht (Mühlenkreiskliniken), Dr. Schneider (Latham & Watkins), Prof. Debatin (GE Healthcare) sowie ein Unternehmer aus dem Pflegebereich teilnahmen. Mit der Feststellung „gejammert wird überall“ von Prof. Debatin begann der Kongresstag direkt spannend. Die thematisch zunächst recht offene Diskussion pendelte sich schnell beim Thema Qualität in der Patientenversorgung ein. Wie es scheint und sich beim Kongress bestätigte, ist dies ein im ganzen Gesundheitswesen aktuell heiß diskutiertes Thema – vermutlich da gerade die Große Koalition im Bund eifrig ihren Koalitionsvertrag abarbeitet, durch den sich das Thema Qualität wie ein roter Pfaden zieht.
Dr. Bracht, als Vertreter eines Krankenhauses, wünschte sich einen Wettbewerb um Qualität, der nicht über dezidierte Vorgaben, sondern über Qualitätstransparenz entsteht. Auch die anderen Diskussionsteilnehmer stimmten ihm darin zu, dass statt Prozess- und Strukturqualität besser die Ergebnisqualität als Wettbewerbsgrundlage angestrebt werden soll.

Aber wer entscheidet eigentlich was Qualität ist?

Prof. Debatin erwartete an dieser Stelle Vorgaben vom Staat, die entscheiden, wie Qualität möglichst einfach gemessen und festgestellt werden kann. Einig waren sich die Vertreter der Leistungserbringer Montgomery und Dänzer auch darin, dass die heutige Qualitätsmessung hinterherhinkt und die bisherigen Qualitätsrankings von Focus bis AOK inadäquat sind. Sie stellten auch fest, dass Patienten heute die Qualität nicht selbst qualifiziert feststellen können. Aus Sicht von Montgomery braucht es dazu einen unabhängigen „Info-Broker“. Dänzer setzt seine Hoffnungen dagegen auf das gerade gegründete IQTiG.
Eine der wichtigsten Feststellung der Diskussion hatte Montgomery zuvor bereits getroffen: Die Ärzte machen gerne bei der Messung und Verbesserung von Qualität mit, beanspruchen dabei aber auch – meiner Meinung nach nicht ganz zu Unrecht – die fachliche Führungsrolle.
Eine weitere Podiumsdiskussion fand zum Thema „Praxen oder Krankenhäuser: Wer macht künftig ambulante Medizin“ statt. Bedauerlicherweise war das Format etwas zäh, da die „Diskussionsteilnehmer“ nur längere Referate hielten, gefolgt von ein paar Fragen des Moderators. So kam eine richtige Diskussion also nicht auf, lediglich Argumente wurden mehr oder weniger ausgetauscht.
Podiumsteilnehmer Liedtke von der Barmer-GEK und hier als Vertreter der Krankenkassen, wies auf die Probleme der Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor und die Schwierigkeiten in der heutigen Regulation von „grenzüberschreitenden Leistungen“, insbesondere den Notfallambulanzen und den KV-Notdiensten, hin. Seiner Meinung nach müssten vor allem die Vergütungsstrukturen angeglichen werden.
Dr. Weigand vom Deutschen Krankenhausinstitut sah dies ähnlich und verwies insbesondere auf die ungleichen Anforderungen, mit denen Krankenhäuser und Praxen sich im gleichen ambulanten Markt konfrontiert sähen.
Herr Mischer von den Neckar-Odenwald-Kliniken verwies als Vertreter der Praxis eher auf die problematischen Interessensunterschiede bei Ärzten und Krankenhäusern. Einerseits würden ältere Ärzte gern ihre Kassensitze an Krankenhäuser verkaufen, wenn sich – wie in vielen Regionen – keine anderen Käufer finden. Anderseits haben sie Angst vor einem Angriff auf ihren Markt durch die Krankenhäuser. Sein Krankenhaus wolle die Sitze prinzipiell auch nicht haben, da der Kauf nicht immer wirtschaftlich sei und das Krankenhaus selbst gerne auch den Konflikt meiden würde. Der Druck zum Kauf käme eher aus der Politik.
Insgesamt brachte der Tag einige sehr interessante Erkenntnisse und Einblicke. Neben den beiden ausführlicher vorgestellten Diskussionsveranstaltungen konnte ich zwei weitere angebotene Veranstaltungen besuchen. In den Pausen konnte ich schönerweise vielen bekannten Gesichtern aus meinem beruflichen Umfeld begegnen und neue, interessante Kontakte knüpfen.

Nachdem Jonas den Aufschlag machen konnte, erhielt ein weiterer Gesundheitsparlamentarier die Gelegenheit, den Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg zu besuchen: Thomas Rehm berichtet für uns von seinen Erlebnissen am zweiten Kongresstag. Dabei erlebte Thomas die von ihm besuchten Diskussionen am zweiten Tag des Gesundheitswirtschaftskongresses weniger kontrovers. Entsprechend daraus zieht er am Ende seines Berichts Schlüsse über einen erfolgreichen Kongress-Aufbau:

Thomas Rehm

Thomas Rehm


Eine Zusammenkunft seniorer Löwen

Der Kongress fand im gediegenen Hamburger 5-Sterne-Hotel Grand-Elysee statt. Ohne Krawatte war man schon beinahe underdressed. Nur der Künstler Jörg Länger provozierte qualifiziert den dresscode: Er war barfuß zum Anzug und trug auch sonst noch Interessantes zum Kongress bei. Dazu gleich mehr.
Ich hatte Gelegenheit, drei Veranstaltungen wahrnehmen zu können:
Die Podiumsdiskussion „Prävention und Qualität: Gesundheitspolitik macht ernst“ widmete sich vor allem dem neuen Präventionsgesetz, das die Große Koalition verabschieden möchte.Thomas1

Das Gesetz folgt zwei Vorhaben vorheriger Regierungskoalitionen, die gescheitert waren. Auch jetzt verzögert sich die Verabschiedung offenbar wieder (vgl. http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/praevention/article/863188/schwarz-rot-praeventionsgesetz-verspaetet.html).
Zu einer starken Kontroverse bot der Titel keinen Anlass. Die Podiumsteilnehmer stimmten allesamt überein, dass das Gesetzesvorhaben richtig ist. So äußerte sich auch Cornelia Prüfer-Storcks, Gesundheitssenatorin in Hamburg und derzeitige Vorsitzende der Landes-Gesundheitsministerkonferenz, erwartungsgemäß uneingeschränkt positiv zu dem Gesetzesvorhaben. Richtigerweise betonte sie, dass die „rigide Genehmigungspraxis des Bundesversicherungsamtes“ (Aufsichtsbehörde u.a. für Krankenkassen) und die noch nicht umgesetzte Umgestaltung der Krankenkassen vom payer zum player Hemmnisse für weitere Entwicklungen seien.
Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK Gesundheit, machte aus meiner Sicht die meisten bemerkenswerten Punkte für weitere Versorgungsentwicklungen:

• Der jetzige Koalitionsvertrag sei zu Versorgungsstrukturentwicklung ambitionierter als alles in den 25 Jahren vorher.
• In Diskussionen seien die Begriffe Prävention, Vorsorge, Gesundheitsmanagement u.ä. sauber zu differenzieren.
• Für komplexe Versorgungsstrukturen fehle es noch an Forschung.
• Wegen der vorhandenen Daten bei den Krankenkassen seien diese besser geeignet, eine Lotsenfunktion zu übernehmen als die Hausärzteschaft, der entsprechende Daten fehlen.
• Statt einer Aufhebung der Sektorengrenzen seien durch Hausarztmodelle und spezialfachärztliche Behandlungen gewissermaßen aus zwei nunmehr vier Sektoren geworden.

Gute Aspekte brachte auch Prof. Dr. Volker Penter, Leiter Health Care KPMG AG, in die Diskussion ein. Er bekundete, dass ein Gesundheitsmanagement für kleinere und mittlere Betriebe praktisch nicht existiere, Prävention häufig auch an fehlendem Bewusstsein scheitere und er eine Kampagne wie „Gib Aids keine Chance“ befürworte. Demnach müssten Qualitätsuntersuchungen in Deutschland nicht neu erfunden werden, etablierte Methoden gäbe es bereits.
Während der erste Punkt von allen Teilnehmern als Problem erkannt, eine Lösung aber nicht präsentiert wurde, hielt Frau Prüfer-Storcks eine Kampagne für nicht geboten. Auf den Methodenansatz zur Qualitätsmessung ging die Diskussion leider nicht weiter ein. Frau Prüfer-Storcks erklärte aber, dass sie sich an Diskussionen über die Messbarkeit von Qualität nicht mehr beteilige; bei entsprechender Risikoadjustierung sei Qualität messbar.
Viel Kritisches brachten selbst die Vertreter der Parteien ohne Regierungsbeteiligung gegen das Präventionsgesetz nicht vor. Die Kritik beschränkte sich vor allem auf Bedenken, ob sich das Gesetz in der Praxis bewähre und dass an der einen oder anderen Stelle eine andere Akzentuierung wünschenswert gewesen wäre.
Auch das Publikum vermochte am Ende keine weiteren Anstöße zu geben, um eine kontroverse Diskussion auszulösen. Es gab zwar einige beachtliche Einzelaspekte, aber weiterführende Erkenntnisse zum Thema der Podiumsdiskussion haben sich mir nicht erschlossen.
Ähnlich ist es mir bei der Gesprächsrunde „Unwirtschaftlichkeit ist unethisch: Wirtschaftlichkeit auch?“ ergangen.

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Hier sollte das Thema schon durch seine geschlossene Fragestellung, aber auch inhaltlich eigentlich eine gute Grundlage für eine kernige Diskussion geben. Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt: Die Gesprächsteilnehmer gaben jeweils ihre Stellungnahmen zu unterschiedlichen Fragen des Moderators ab; direkte Reaktionen auf Thesen anderer blieben aus. Dadurch gab es auch keinen Raum, sich der thematischen Frage eingehend anzunehmen, diese zu interpretieren und einer Antwort zuzuführen. Einige interessante Einzelaspekte sollen aber nicht unerwähnt bleiben:
Prof. Dr. Kai Wehkamp, Professor für Public Health, Medical School Hamburg und Oberarzt für Klinisches Qualitätsmanagement, Ökonomie und DRGs, Uniklinik Kiel, sah es problematisch, dass die klassische Qualitätssicherung z.B. durch Arztvisiten durch „big data“ abgelöst wird. Die DRG-Fallpauschalen haben seiner Meinung nach im Übrigen finanzielle Anreize für Qualität abgeschafft.
Dr. Ellis Huber, Vorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen e.V., betonte, dass das gegenseitige Misstrauen der Akteure dazu führe, dass die Prozesse und Prozeduren einen zu hohen Anteil des Budgets verbrauchen. Offen blieb allerdings, wie das erforderliche Vertrauen geschaffen werden könnte.
Einen besonderen Eindruck hat der Künstler Jörg Länger hinterlassen, allerdings nicht nur wegen seiner Barfüßigkeit.thomas3

Vielmehr wurde im Dialog zu „Naturheilverfahren – ja, natürlich! Aber Kulturheilverfahren: Gibt es das?“ mit dem Kongresspräsidenten Prof. Heinz Lohmann schon eine Frage außerhalb des thematischen Mainstream aufgeworfen. Damit ist auch einmal eine bewusst „unexpertige“ Sicht auf das Gesundheitswesen zum Vorschein gekommen. Sicherlich war das Format, ein Dialog, auch begünstigend und dennoch hat sich auch hier keine klare Antwort auf die thematische Frage ergeben. Aber Jörg Länger hat nachvollziehbar beschrieben, welche Bedeutung auch Kunst auf Heilungen haben kann. Unter anderem berichtete Herr Länger, dass seine Kunstwerke vor allem nach dem Ende einer Ausstellung vermisst wurden. Kunst trage also auch und gerade unbewusst zu einem Wohlgefühl bei.
Dass der Dialog per Du in einem Plauderton geführt wurde, mag dazu beigetragen haben, dass die Inhalte glaubhaft und nicht wie Phrasendrescherei wirkten. So konnte Prof. Lohmann auf die Bemerkung Längers, dass in einer Klinik kaum Kunst finanzierbar sei, halb scherz- halb ernsthaft antworteten, dass Kunst im Verhältnis zu einem medizinischen Großgerät nicht wesentlich zu Buche schlagen müsse.
Wieder einmal hat sich für mich beim Gesundheitswirtschaftskongress erwiesen, dass ausgefeilte Positionierungen kaum gute Diskussionsgrundlagen darstellen. Qualifizierte Provokation, auch durch andere Perspektiven, einfache Fragestellungen und schlichte Zusammenhänge, können spannendere Denkanstöße geben.
Von den „Senior-Löwen“ ging insgesamt inhaltlich wenig Neues, wenig Gewagtes und wenig Konkretes aus. Auch einem Wirtschaftskongress könnte das sicherlich mehr Dynamik geben. Da bleibt also noch genug zu tun für uns– die jungen Löwinnen und Löwen des yl-Gesundheitsparlamentes…

Zum Abschluss bedanken sich Jonas und Thomas bei Marco Muhrer-Schwaiger und Mitparlamentarier David Matusiewicz, die den Besuch auf dem Gesundheitswirtschaftskongress ermöglicht haben.

 

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