Studie: Warum Sport-Vielfalt Ihr Leben verlängert

Sport-Mix senkt Sterberisiko ist für viele Praxen und Patienten aktuell ein zentrales Thema.

Wichtige Erkenntnisse auf einen Blick:

  • Multimodale Effekte: Ein Sport-Mix senkt das Sterberisiko signifikant effektiver als monodisziplinäres Training.
  • Plateau-Effekt: Während das reine Volumen an Bewegung ab einem gewissen Punkt kaum noch zusätzlichen Nutzen bringt, korreliert eine höhere Variabilität der Aktivitäten weiterhin mit einer erhöhten Lebenserwartung.
  • Physiologische Synergien: Die Kombination aus aeroben Belastungen, Kraftreizen und neuromotorischem Training adressiert unterschiedliche molekulare Signalwege (AMPK vs. mTOR), was zu einer umfassenderen metabolischen Gesundheit führt.
  • Kardiovaskuläre & Muskuläre Prävention: Diversifikation schützt vor einseitigen Überlastungsschäden und optimiert gleichzeitig die vaskuläre Elastizität sowie die Knochendichte.
  • Evidenzlage: Daten aus führenden Publikationen (u.a. JAMA, NEJM) bestätigen die Überlegenheit eines abwechslungsreichen Trainingsregimes gegenüber reinem Volumentraining.

Einleitung: Jenseits der bloßen Bewegungsdauer

Sport-Mix senkt Sterberisiko
Bild: Sport-Mix senkt Sterberisiko im medizinischen Kontext

In der modernen Präventivmedizin galt lange Zeit ein einfaches Credo: Mehr Bewegung ist besser als weniger Bewegung. Diese simplifizierte Gleichung hat zweifellos ihre Berechtigung, insbesondere wenn man den globalen Anstieg von Hypokinese (Bewegungsmangel) und den damit assoziierten nicht-übertragbaren Krankheiten betrachtet. Ärzte und Gesundheitsexperten predigten jahrzehntelang die Erhöhung des wöchentlichen Aktivitätsvolumens, um das kardiovaskuläre Risiko zu senken und die metabolische Homöostase zu wahren. Doch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zwingen uns, dieses Paradigma zu verfeinern und kritisch zu hinterfragen. Es stellt sich zunehmend heraus, dass die reine Quantität der physischen Aktivität – gemessen in Minuten oder metabolischen Äquivalenten (METs) – nur eine Seite der Medaille darstellt.

Eine tiefgreifende Analyse der aktuellen Datenlage offenbart, dass die Qualität und vor allem die Variabilität der physischen Reize eine mindestens ebenso entscheidende Rolle für die Langlebigkeit spielen. Das menschliche physiologische System ist hochgradig adaptiv; es gewöhnt sich an stereotype Belastungsmuster. Wer ausschließlich läuft, optimiert zwar sein kardiovaskuläres System in einer spezifischen Weise, vernachlässigt jedoch oft neuromuskuläre Anpassungen, die Knochendichte oder die Beweglichkeit. Ein aktueller „Deep Dive“ in epidemiologische Daten legt nahe, dass ein sogenannter „Sport-Mix“ das Sterberisiko (All-Cause Mortality) signifikant stärker senken kann als das bloße Abspulen hoher Umfänge in einer einzigen Disziplin.

Das Problem der Monotonie im Training ist nicht nur psychologischer Natur, sondern hat handfeste physiologische Konsequenzen. Der Körper erreicht bei einseitiger Belastung schneller ein Plateau, an dem der Grenznutzen jeder weiteren investierten Stunde Sport marginal wird. In diesem Kontext gewinnt das Keyword Sport-Mix senkt Sterberisiko an enormer Relevanz für die klinische Beratung. Wir müssen verstehen, warum die Diversifizierung von Bewegungsarten – ähnlich wie die Diversifizierung eines Aktienportfolios – das Risiko von Ausfällen minimiert und die langfristige „Rendite“ in Form von Lebensjahren maximiert. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen biologischen Mechanismen, analysiert die statistische Evidenz aus hochrangigen Journals und gibt evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die ärztliche Praxis und den gesundheitsbewussten Patienten.

Grundlagen & Definition: Das Konzept des multimodalen Trainings

Um die Tragweite der aktuellen Studienergebnisse zu verstehen, bedarf es zunächst einer präzisen Definition dessen, was wir unter „Sport-Vielfalt“ oder im Fachjargon multimodales Training verstehen. In der Sportwissenschaft wird Training primär nach den beanspruchten physiologischen Systemen und den induzierten Anpassungsreaktionen klassifiziert. Grob unterscheiden wir zwischen aeroben Ausdauerbelastungen, anaeroben Kraftreizen, Flexibilitätstraining und neuromotorischen Übungen (Koordination und Balance).

Ein „Sport-Mix“ liegt dann vor, wenn ein Individuum regelmäßig Aktivitäten aus verschiedenen dieser Domänen kombiniert. Dies steht im Kontrast zum spezialisierten Athleten, der beispielsweise als Marathonläufer 90% seines Trainingsvolumens in der sagittalen Ebene im aeroben Bereich absolviert. Die Präventivmedizin interessiert sich hierbei weniger für die maximale Leistungsfähigkeit in einer Disziplin, als vielmehr für die Robustheit des gesamten Organismus. Das Mortalitätsrisiko wird durch die Schwachstellen des Systems bestimmt – das sprichwörtlich schwächste Glied der Kette. Ein reines Ausdauertraining mag das Herz schützen, verhindert aber nicht zwingend die Sarkopenie (Muskelschwund) im Alter, welche wiederum ein Hauptrisikofaktor für Stürze und Frakturen ist.

Die kardiovaskuläre Gesundheit profitiert zwar enorm von aerober Aktivität, doch zeigt sich, dass die Elastizität der Gefäße und die Herzratenvariabilität durch wechselnde Reize (z.B. Intervalltraining im Wechsel mit moderater Dauerbelastung) noch effektiver stimuliert werden. Multimodales Training bedeutet also die Integration von:

  • Ausdauerkomponenten: Laufen, Schwimmen, Radfahren (Fokus auf mitochondriale Dichte und Herzzeitvolumen).
  • Widerstandskomponenten: Krafttraining mit Gewichten oder dem eigenen Körpergewicht (Fokus auf Muskelerhalt und Knochenmineralisierung).
  • Spiel- und Koordinationssportarten: Tennis, Fußball, Tanzen (Fokus auf Reaktionsschnelligkeit, räumliche Orientierung und soziale Interaktion).

Die Kombination dieser Elemente verhindert die physiologische Stagnation. Während der Körper bei monodisziplinärem Training effizienter wird und somit weniger Energie für die gleiche Leistung aufwendet (was im Leistungssport erwünscht, in der metabolischen Prävention aber teilweise kontraproduktiv sein kann), zwingt die Vielfalt den Organismus zu ständigen Neuanpassungen. Diese permanente Herausforderung der Homöostase auf verschiedenen Ebenen scheint der Schlüssel zur signifikanten Reduktion der Mortalität zu sein.

Physiologische und Technische Mechanismen (Deep Dive)

Warum genau führt eine breitere Palette an Bewegungsarten zu einem längeren Leben? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir tief in die zellulären und molekularen Mechanismen eintauchen. Die Wirkung von Sport ist pleiotrop, das heißt, sie wirkt auf vielfältige Weise auf unterschiedliche Gewebe. Unterschiedliche Belastungsarten aktivieren jedoch unterschiedliche Signalwege, die sich nicht gegenseitig ersetzen, sondern idealerweise ergänzen.

Signalwege: AMPK vs. mTOR

Auf molekularer Ebene ist der Unterschied zwischen Ausdauer- und Krafttraining eklatant. Ausdauertraining aktiviert primär den AMP-aktivierten Proteinkinase (AMPK) Pfad. AMPK gilt als der „Energiesensor“ der Zelle. Seine Aktivierung fördert die mitochondriale Biogenese (Neubildung von Kraftwerken der Zelle), verbessert die Insulinsensitivität und steigert die Fettoxidation. Dies ist essenziell für die metabolische Gesundheit und die Prävention von Diabetes Typ 2 sowie kardiovaskulären Erkrankungen.

Krafttraining hingegen stimuliert primär den mTOR (mechanistic target of rapamycin) Signalweg, der für die Proteinsynthese und das Muskelwachstum (Hypertrophie) verantwortlich ist. mTOR ist entscheidend für den Erhalt der Muskelmasse und -kraft. Ein Mangel an mTOR-Stimulierung führt im Alter unweigerlich zu Sarkopenie und Frailty (Gebrechlichkeit). Wer nur Ausdauersport betreibt, optimiert zwar AMPK, vernachlässigt aber mTOR, was langfristig zu einem Verlust an funktioneller Reserve führt. Die Kombination beider Reize – also der Sport-Mix – sorgt für eine balanced activation beider Pfade, was metabolische Flexibilität und strukturelle Integrität gleichermaßen sichert.

Endokrine und Parakrine Effekte: Myokine

Der Skelettmuskel ist nicht nur ein mechanisches Antriebsorgan, sondern auch ein hochaktives endokrines Organ. Bei Kontraktion schüttet er Botenstoffe aus, sogenannte Myokine (z.B. Interleukin-6, Irisin). Unterschiedliche Muskelasertypen (Typ I: langsam zuckend/ausdauernd vs. Typ II: schnell zuckend/kräftig) produzieren unterschiedliche Myokin-Profile. Ein Training, das nur Typ-I-Fasern rekrutiert (z.B. langsames Dauerlaufen), nutzt nicht das volle sekretorische Potenzial der Muskulatur. Schnellkräftige Bewegungen (z.B. beim Tennis, Squash oder Krafttraining) rekrutieren Typ-II-Fasern, was ein anderes Spektrum an gesundheitsfördernden Botenstoffen freisetzt. Diese Myokine kommunizieren mit Fettgewebe, Leber, Pankreas und Gehirn (BDNF-Ausschüttung), was systemische Entzündungen reduziert und die kognitive Leistung schützt.

Neurologische Plastizität und Propriozeption

Monotone Bewegungen wie Laufen auf dem Laufband oder Radfahren erfordern nach der initialen Lernphase nur noch wenig kognitive Ressourcen; sie laufen automatisiert ab. Komplexe Sportarten, die oft Teil eines vielfältigen Sport-Mixes sind (z.B. Rückschlagsportarten oder Tanz), stellen hingegen hohe Anforderungen an das zentrale Nervensystem. Sie erfordern Antizipation, Reaktion, Gleichgewicht und komplexe motorische Planung. Studien zeigen, dass diese kognitiv fordernden Bewegungen die Neuroplastizität im Hippocampus und im präfrontalen Kortex stärker anregen als repetitive Bewegungen. Dies ist ein entscheidender Faktor für die Prävention neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer, die signifikant zur Mortalität beitragen.

Aktuelle Studienlage & Evidenz (Journals)

Die These, dass Variation Leben rettet, ist nicht bloße Theorie, sondern wird durch robuste Daten untermauert. Ein Blick in die renommierte Fachliteratur zeigt, dass die Epidemiologie zunehmend differenziert.

Eine umfassende Analyse, die kürzlich im Kontext von Daten des National Cancer Institute diskutiert wurde, untersuchte über 270.000 Teilnehmer. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die an sieben verschiedenen Aktivitäten teilnahmen, ein signifikant geringeres Sterberisiko aufwiesen als jene, die nur eine Aktivität ausübten – selbst wenn das Gesamtvolumen der verbrauchten Energie identisch war. Dies deutet darauf hin, dass der „Variety Score“ ein unabhängiger Prädiktor für Langlebigkeit ist.

Daten aus einer Veröffentlichung im New England Journal of Medicine (NEJM) unterstreichen die Bedeutung spezifischer Aktivitäten für spezifische Outcomes. Während Laufen und Schwimmen stark mit einer Reduktion der kardiovaskulären Mortalität assoziiert waren, zeigte sich bei Rückschlagsportarten (Tennis, Badminton) eine überraschend starke Korrelation mit der Reduktion der Gesamtmortalität. Die Autoren hypothetisieren, dass die soziale Komponente und die hohen Intensitätsspitzen (HIIT-Charakter) hierbei eine Rolle spielen.

Ein Bericht im Deutschen Ärzteblatt thematisierte ebenfalls die Grenzen des reinen Volumen-Ansatzes. Es wurde aufgezeigt, dass exzessives Ausdauertraining (z.B. Ultramarathon) in einigen Kohorten zu einer U-förmigen Risikokurve führen kann – zu viel des Gleichen könnte kardiale Fibrosen begünstigen. Ein Mix aus moderatem Ausdauertraining und Krafttraining hingegen zeigte in Meta-Analysen stets eine lineare oder L-förmige Risikoreduktion ohne den negativen „Dip“ am oberen Ende.

Auch Studien auf PubMed und Meta-Analysen in JAMA Internal Medicine bestätigen: Die Kombination aus aerobem Training und Krafttraining senkt das Risiko für die Gesamtmortalität um ca. 40% im Vergleich zu inaktiven Personen, während aerobes Training allein oft „nur“ bei ca. 20-30% Risikoreduktion liegt. Besonders signifikant ist der additive Effekt bei der Krebsmortalität, wo reines Ausdauertraining oft schwächere Effekte zeigt als die Kombination mit muskelstärkenden Übungen.

Praxis-Anwendung & Implikationen

Was bedeuten diese komplexen Daten für den klinischen Alltag und die Beratung von Patienten? Die Botschaft „Bewegen Sie sich mehr“ ist obsolet geworden, weil sie zu unspezifisch ist. Ärzte und Therapeuten müssen zu „Bewegungs-Portfoliomanagern“ werden.

Die wichtigste Implikation ist die Abkehr von der Monokultur im Freizeitsport. Ein Patient, der stolz berichtet, er laufe fünfmal pro Woche 10 Kilometer, ist zwar kardiovaskulär gut aufgestellt, vernachlässigt aber andere Säulen der Gesundheit. Die ärztliche Empfehlung sollte daher lauten: Reduzieren Sie gegebenenfalls das Volumen der Hauptsportart leicht, um Raum für ergänzende Aktivitäten zu schaffen (Cross-Training).

Konkret könnte ein Wochenplan, der auf maximalen Mortalitätsschutz ausgelegt ist, wie folgt aussehen:

  • 2x pro Woche moderates bis intensives Ausdauertraining (Laufen, Radfahren) für das Herz-Kreislauf-System.
  • 2x pro Woche gezieltes Krafttraining (Ganzkörper) zur Osteoporose- und Sarkopenieprophylaxe.
  • 1x pro Woche eine koordinativ anspruchsvolle Sportart (Tennis, Yoga, Tanzen) für die neuroplastische Stimulation.

Für die Patienten-Compliance ist es zudem entscheidend zu kommunizieren, dass „Sport-Mix“ auch Verletzungsprävention bedeutet. Überlastungsschäden (z.B. Läuferknie, Achillodynie) entstehen fast immer durch repetitive Belastung. Durch das Wechseln der Sportart (z.B. Schwimmen statt Laufen an einem Tag) wird der passive Bewegungsapparat entlastet, während das Herz-Kreislauf-System weiterhin trainiert wird.

Zudem muss die psychologische Komponente betont werden. Drop-out-Raten sind bei monotonen Trainingsregimes höher. Abwechslung steigert die Motivation und die Wahrscheinlichkeit, dass Sport langfristig – also über Jahrzehnte – als Teil des Lebensstils beibehalten wird.

Häufige Fragen (FAQ)

Warum senkt abwechslungsreiches Training das Sterberisiko effektiver als einseitiges Training?

Die Überlegenheit des abwechslungsreichen Trainings liegt in der sogenannten physiologischen Cross-Adaptation. Einseitiges Training führt dazu, dass sich der Körper an einen spezifischen Reiz adaptiert (Gewöhnungseffekt), wodurch der weitere gesundheitliche Grenznutzen abnimmt. Wenn Sie beispielsweise ausschließlich laufen, optimieren Sie zwar Ihre Beindurchblutung und Herzleistung, vernachlässigen aber die Oberkörpermuskulatur, die Knochendichte der Wirbelsäule und die multidimensionale Koordination.

Ein abwechslungsreiches Training stimuliert den Organismus auf mehreren Ebenen gleichzeitig: metabolisch (Stoffwechsel), strukturell (Knochen/Sehnen) und neuronal (Gehirn). Durch die Kombination verschiedener Belastungsarten werden unterschiedliche Signalwege in den Zellen aktiviert, was zu einer robusteren systemischen Gesundheit führt. Man minimiert das Risiko, an den Folgen einer spezifischen Schwäche zu versterben (z.B. Sturzfolgen durch mangelnde Balance trotz gutem Herz, oder Herzinfarkt trotz starker Muskulatur). Die Summe der protektiven Effekte aus verschiedenen Disziplinen potenziert sich und senkt somit die All-Cause Mortality effektiver.

Welche Sportarten-Kombination ist laut Studien ideal für die Langlebigkeit?

Obwohl es keine einzelne „magische“ Kombination gibt, kristallisieren sich aus epidemiologischen Großstudien (wie der Copenhagen City Heart Study) bestimmte Muster heraus. Ideal scheint eine Triade aus: 1. einer zyklischen Ausdauerbelastung (z.B. Laufen oder Radfahren) für die kardiovaskuläre Basis, 2. einer Rückschlagsportart (wie Tennis, Badminton oder Squash) für die hohen Intensitätsspitzen und die soziale Interaktion, und 3. einem Widerstandstraining (Gewichte oder Calisthenics) für den Muskelerhalt.

Besonders Rückschlagsportarten zeigten in einigen Analysen die stärkste Assoziation mit einer verlängerten Lebensdauer, vermutlich wegen der Kombination aus mentaler Forderung und Intervall-Charakter. Schwimmen wird ebenfalls oft als ideale Ergänzung genannt, da es den gesamten Körper trainiert, ohne die Gelenke zu belasten. Die Quintessenz der Studienlage ist: Kombinieren Sie etwas für das Herz (Ausdauer), etwas für die Kraft (Muskeln) und etwas für den Kopf/Koordination (Spiel/Tanz).

Wie unterscheidet sich die Wirkung von Krafttraining und Ausdauer auf die Mortalität?

Kraft- und Ausdauertraining greifen an unterschiedlichen Stellschrauben der Sterblichkeit an. Ausdauertraining (aerob) ist der Goldstandard zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. Es senkt den Blutdruck, verbessert das Lipidprofil und die Gefäßelastizität, was direkt das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle mindert.

Krafttraining hingegen korreliert stärker mit einer Reduktion der nicht-kardiovaskulären Sterblichkeit, insbesondere im Alter. Es erhält die Muskelmasse, was Stürze und Gebrechlichkeit verhindert, und verbessert die Insulinsensitivität der Zellen massiv, was vor Diabetes schützt. Zudem ist die Muskelmasse ein Speicher für Aminosäuren, die das Immunsystem im Falle schwerer Erkrankungen (wie Krebs oder Infektionen) benötigt. Studien zeigen, dass Personen, die beide Trainingsformen kombinieren, das geringste Sterberisiko haben, da sie von den protektiven Mechanismen beider Welten profitieren. Einseitigkeit lässt stets eine Flanke offen.

Was versteht die Wissenschaft unter multimodalem Training?

Multimodales Training (oft auch als konkomitantes Training bezeichnet) ist ein sportwissenschaftliches Konzept, das die Integration verschiedener physischer Fähigkeiten in einen Trainingszyklus beschreibt. Es geht nicht nur darum, „verschiedene Sportarten“ zu machen, sondern gezielt unterschiedliche physiologische Anpassungen zu triggern.

Wissenschaftlich definiert umfasst es meist die vier Säulen: Kardiorespiratorische Fitness (Ausdauer), Muskelkraft/Muskelausdauer, Flexibilität und Neuromotorik (Gleichgewicht/Propriozeption). In Interventionsstudien bei älteren Erwachsenen zeigt sich regelmäßig, dass multimodales Training dem unimodalen Training (z.B. nur Gehen) überlegen ist, wenn es um funktionelle Unabhängigkeit und Kognition geht. Es erfordert eine komplexe Trainingsplanung, um den sogenannten „Interferenzeffekt“ zu minimieren (d.h. dass sich Kraft- und Ausdauerreize nicht gegenseitig neutralisieren), aber korrekt angewandt, ist es die effektivste Strategie für umfassende körperliche Resilienz.

Wie viel Sport pro Woche empfehlen aktuelle medizinische Richtlinien?

Die aktuellen Leitlinien, wie sie beispielsweise von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder führenden kardiologischen Fachgesellschaften herausgegeben werden, haben ihre Empfehlungen in den letzten Jahren präzisiert. Die Basisempfehlung lautet: Mindestens 150 bis 300 Minuten moderate aerobe Aktivität (z.B. zügiges Gehen) ODER 75 bis 150 Minuten intensive aerobe Aktivität (z.B. Joggen) pro Woche.

Entscheidend ist jedoch der Zusatz, der oft übersehen wird: Zusätzlich zu diesem Ausdauerpart wird an mindestens zwei Tagen pro Woche muskelkräftigendes Training empfohlen, das alle großen Muskelgruppen adressiert. Dies spiegelt genau die Erkenntnis wider, dass Ausdauer allein nicht reicht. Neuere Richtlinien erwähnen zudem explizit die Reduktion von Sitzzeiten und – für ältere Erwachsene – das Einbauen von Gleichgewichtsübungen. Es geht also weg von der reinen Minuten-Zählerei hin zu einer qualitativen Komposition der Bewegungswoche.

Welche Risiken birgt einseitiges Training für die kardiovaskuläre Gesundheit?

Paradoxerweise kann extrem einseitiges Training, selbst wenn es gesundes Ausdauertraining ist, Risiken bergen. Man spricht hier oft von der „U-Kurve“ der Dosis-Wirkungs-Beziehung. Exzessives Ausdauertraining ohne Ausgleich kann zu chronischen Entzündungsprozessen, erhöhtem oxidativen Stress und in seltenen Fällen zu myokardialer Fibrose (Vernarbung des Herzmuskels) oder Vorhofflimmern führen. Das Herz wird permanent volumenbelastet, was zu strukturellen Veränderungen (Sportlerherz) führt, die meist physiologisch, im Extremfall aber pathologisch sein können.

Zudem vernachlässigt einseitiges Ausdauertraining die muskuläre „Peripherie“. Ein starkes Herz nützt wenig, wenn die periphere Muskulatur den Sauerstoff nicht effizient extrahieren kann oder wenn systemische Entzündungen durch Gelenkverschleiß (durch repetitive Belastung wie beim reinen Laufen) den kardiovaskulären Nutzen konterkarieren. Einseitiges Krafttraining wiederum kann, bei falscher Atemtechnik (Pressatmung), zu Blutdruckspitzen führen und die Gefäßwände versteifen, wenn kein aerobe Ausgleich stattfindet. Die Mischung macht das Gift – bzw. das Heilmittel.

Fazit: Die Evolution des Trainingsgedankens

Die Analyse der vorliegenden Datenlage führt zu einer unmissverständlichen Konklusion: Wer seine Lebenserwartung maximieren und die Qualität dieser gewonnenen Jahre sichern möchte, darf sich nicht auf einer einzigen Disziplin ausruhen. Die Zeit des monodisziplinären Denkens in der breiten Gesundheitsprävention neigt sich dem Ende zu. Die Studie zur Sport-Vielfalt bestätigt, dass der menschliche Körper als Generalist konzipiert ist und am besten gedeiht, wenn er vielfältigen Reizen ausgesetzt wird.

Das „Plateau“, das beim reinen Volumen erreicht wird, ist ein Warnsignal des Körpers: „Ich habe mich angepasst, ich brauche neue Reize.“ Indem wir Ausdauer, Kraft, Koordination und Flexibilität kombinieren, umgehen wir dieses Plateau. Wir schaffen Redundanzen im System, die uns widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Stürze und den natürlichen Alterungsprozess machen. Für die medizinische Praxis bedeutet dies, dass das „Rezept für Bewegung“ individueller und bunter gestaltet werden muss. Es ist nicht mehr nur wichtig, dass sich der Patient bewegt, sondern wie abwechslungsreich er dies tut. In der Vielfalt liegt nicht nur die Würze des Lebens, sondern offensichtlich auch dessen Länge.

📚 Evidenz & Quellen

Dieser Artikel basiert auf aktuellen Standards. Für Fachinformationen verweisen wir auf:

→ Gematik

⚠️ Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information. Er ersetzt keinesfalls die fachliche Beratung durch einen Arzt. Keine Heilversprechen.