Hoffnung bei Muskelschwund: So wirkt das Sekretom

Sarkopenische Adipositas Therapie ist für viele Praxen und Patienten aktuell ein zentrales Thema.

Wichtige Erkenntnisse im Überblick

  • Durchbruch in der Forschung: Das Biotech-Unternehmen Immunis meldet positive Interimsdaten der Phase-2-Studie STEM-META zur Behandlung sarkopenischer Adipositas.
  • Innovativer Ansatz: Anstelle ganzer Stammzellen wird das sogenannte Sekretom (IMM01-STEM) verwendet, ein Cocktail aus bioaktiven Faktoren, der die Muskelregeneration anregt.
  • Klinische Relevanz: Die Behandlung zeigte signifikante Verbesserungen der körperlichen Funktionsfähigkeit bei älteren, fettleibigen Patienten.
  • Therapeutischer Bedarf: Eine effektive Sarkopenische Adipositas Therapie fehlt bislang weitgehend, was die Bedeutung dieser Ergebnisse unterstreicht.
  • Sicherheitsaspekt: Sekretom-basierte Biologika gelten potenziell als sicherer als lebende Zelltherapien, da das Risiko einer unkontrollierten Zellteilung entfällt.

Die demografische Entwicklung in den westlichen Industrienationen stellt die moderne Medizin vor präzedenzlose Herausforderungen. Während die Lebenserwartung kontinuierlich steigt, nimmt die Anzahl der gesunden Lebensjahre nicht im gleichen Maße zu. Ein besonders gravierendes, oft unterschätztes Syndrom in der Geriatrie und der metabolischen Medizin ist das Zusammentreffen von zwei pathologischen Zuständen, die sich gegenseitig negativ verstärken: der altersbedingte Muskelschwund (Sarkopenie) und die krankhafte Fettleibigkeit (Adipositas). Dieses als sarkopenische Adipositas bezeichnete Krankheitsbild führt zu einer dramatischen Einschränkung der Lebensqualität, erhöhter Frailtät (Gebrechlichkeit) und einer signifikanten Steigerung der Mortalität. Die therapeutischen Optionen waren bislang ernüchternd begrenzt. Klassische Interventionen wie kalorische Restriktion führen bei Senioren oft zu weiterem Muskelabbau, während körperliches Training durch die Adipositas und Gelenkprobleme massiv erschwert wird.

In diesem düsteren Szenario zeichnet sich jedoch ein Hoffnungsschimmer am Horizont der Biotechnologie ab. Neue Daten des klinischen Forschungsunternehmens Immunis deuten darauf hin, dass wir an der Schwelle zu einem Paradigmenwechsel in der Sarkopenische Adipositas Therapie stehen könnten. Weg von der rein symptomatischen Behandlung, hin zu einer regenerativen Medizin, die jedoch – und das ist der entscheidende Twist – nicht mehr auf die Transplantation riskanter lebender Stammzellen setzt, sondern auf deren Produkte: das Sekretom. Die aktuellen Interimsdaten der Phase-2-Studie STEM-META, die das Sekretom-Biologikum IMM01-STEM untersuchen, zeigen klinisch bedeutsame Verbesserungen in der physischen Funktion betroffener Patienten. Dieser Artikel widmet sich einer tiefgreifenden Analyse (Deep Dive) dieser neuen Therapieform, beleuchtet die molekularbiologischen Hintergründe und ordnet die Ergebnisse in den Kontext der aktuellen wissenschaftlichen Literatur ein.

Grundlagen & Definition: Wenn Muskelschwund auf Adipositas trifft

Sarkopenische Adipositas Therapie
Bild: Sarkopenische Adipositas Therapie im medizinischen Kontext

Um die Tragweite der neuen Forschungsergebnisse zu verstehen, ist eine präzise Definition des klinischen Problems unerlässlich. Die sarkopenische Adipositas ist weit mehr als die bloße Summe ihrer Teile. Sie beschreibt einen pathologischen Teufelskreis. Sarkopenie, abgeleitet aus dem Griechischen („Armut an Fleisch“), ist durch den progressiven und generalisierten Verlust an Skelettmuskelmasse und -kraft charakterisiert. Dies ist ein physiologischer Prozess des Alterns, der jedoch durch chronische Entzündungsprozesse, hormonelle Dysbalancen und Inaktivität pathologisch beschleunigt werden kann. Adipositas hingegen, definiert durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe, induziert einen systemischen pro-inflammatorischen Zustand.

Wenn diese beiden Zustände konvergieren, entsteht eine toxische Synergie. Das viszerale Fettgewebe fungiert als hochaktives endokrines Organ, das entzündungsfördernde Zytokine (wie IL-6 und TNF-alpha) ausschüttet. Diese Zytokine greifen direkt die Muskelzellen an, fördern den Proteinabbau und hemmen die Muskelproteinsynthese (Anabolismus). Gleichzeitig führt die verringerte Muskelmasse zu einem reduzierten Grundumsatz, was wiederum die weitere Ansammlung von Fettgewebe begünstigt. Patienten leiden unter einer sogenannten „Myosteatose“, einer Verfettung des Muskels selbst, was die Muskelqualität massiv mindert. Die Entwicklung einer effektiven Sarkopenische Adipositas Therapie gilt daher als einer der „Heiligen Grale“ der modernen Altersmedizin.

Traditionelle Ansätze der Geriatrie stoßen hier an ihre Grenzen. Eine Diät zur Gewichtsreduktion birgt bei älteren Menschen immer das Risiko, dass nicht nur Fett, sondern essenzielle Muskelmasse abgebaut wird, was die Sarkopenie verschlimmert. Pharmakologische Ansätze zur reinen Appetitzüglung adressieren nicht das Problem der Muskelregeneration. Hier kommt das Konzept der Stammzelltherapie und ihrer Weiterentwicklung, der Sekretom-Therapie, ins Spiel. Während Stammzellen lange als Allheilmittel galten, zeigten sich in der Praxis Hürden: geringe Überlebensraten der transplantierten Zellen und potenzielle tumorigene Risiken. Die Wissenschaft erkannte jedoch, dass der eigentliche therapeutische Effekt von Stammzellen oft nicht in ihrer Differenzierung liegt, sondern in den Botenstoffen, die sie an ihre Umgebung abgeben – dem Sekretom.

Physiologische & Technische Mechanismen: Der Deep Dive ins Sekretom

Was genau ist dieses Sekretom, das nun als vielversprechende Sarkopenische Adipositas Therapie gehandelt wird? Das Sekretom umfasst die Gesamtheit aller Moleküle, die von einer Zelle in den Extrazellularraum abgegeben werden. Im Kontext von mesenchymalen Stammzellen (MSCs) oder anderen Vorläuferzellen handelt es sich hierbei um einen hochkomplexen Cocktail aus löslichen Proteinen, Lipiden und Nukleinsäuren. Zu den wichtigsten Komponenten gehören Zytokine, Chemokine, Wachstumsfaktoren (wie VEGF, HGF, IGF-1) sowie Extrazelluläre Vesikel, insbesondere Exosomen.

Der Wirkmechanismus von IMM01-STEM und ähnlichen Sekretom-Biologika basiert auf der parakrinen Kommunikation. Anstatt darauf zu warten, dass sich eine injizierte Stammzelle in eine Muskelzelle verwandelt (was selten geschieht), injiziert man direkt die „Befehle“ zur Regeneration. Wenn das Sekretom in das Gewebe eines Patienten mit sarkopenischer Adipositas eingebracht wird, geschieht Folgendes auf zellulärer Ebene:

  • Modulation der Entzündung: Die im Sekretom enthaltenen Anti-inflammatorischen Faktoren wirken dem chronischen Entzündungszustand (Inflammaging) entgegen, der durch das Viszeralfett angeheizt wird. Dies stoppt den katabolen (abbauenden) Reiz auf die Muskulatur.
  • Aktivierung der Satellitenzellen: Muskelstammzellen (Satellitenzellen) sind im Alter oft inaktiv oder erschöpft. Wachstumsfaktoren im Sekretom können diese Zellen aus ihrer Ruhephase wecken und die Muskelregeneration sowie die Neubildung von Muskelfasern initiieren.
  • Verbesserung der Angiogenese: Faktoren wie VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) fördern die Neubildung von Blutgefäßen. Eine bessere Durchblutung des Muskelgewebes bedeutet eine optimierte Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff, was für den Muskelaufbau essenziell ist.
  • Mitochondriale Biogenese: Neuere Daten legen nahe, dass Bestandteile des Sekretoms, insbesondere microRNAs in Exosomen, die Funktion der Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen) verbessern können, was den metabolischen Dysfunktionen bei Adipositas direkt entgegenwirkt.

Technisch gesehen bietet die Verwendung des Sekretoms gegenüber lebenden Zellen enorme Vorteile in der Herstellung und Logistik. Es kann standardisiert, gefriergetrocknet und genau dosiert werden – ähnlich wie ein klassisches Medikament. Das Risiko einer Abstoßungsreaktion oder einer unkontrollierten Gewebewucherung ist im Vergleich zur Zelltransplantation drastisch minimiert. Immunis nutzt für IMM01-STEM ein proprietäres Verfahren, um Stammzellen so zu kultivieren, dass sie ein besonders potentes Sekretom produzieren, das speziell auf die Bedürfnisse von alterndem und metabolisch gestörtem Gewebe abgestimmt ist.

Aktuelle Studienlage & Evidenz

Die wissenschaftliche Validierung dieses Ansatzes nimmt derzeit an Fahrt auf. Die von Immunis veröffentlichten Interimsdaten der Phase-2-Studie STEM-META sind ein starkes Signal, müssen aber im Kontext der breiteren Forschung betrachtet werden. In der genannten Studie, einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Untersuchung, wurde die Sicherheit und Wirksamkeit von IMM01-STEM an älteren Erwachsenen mit sarkopenischer Adipositas untersucht. Das primäre Ergebnis der Zwischenanalyse zeigt „klinisch bedeutsame Verbesserungen“ in der körperlichen Funktion. Dies wird oft mittels standardisierter Tests wie der Gehgeschwindigkeit, der Handgriffstärke oder der „Sit-to-Stand“-Rate gemessen.

Um die Relevanz dieser Ergebnisse einzuordnen, lohnt ein Blick auf die allgemeine Studienlandschaft:

Ein Bericht im Deutschen Ärzteblatt wies kürzlich darauf hin, dass die Prävalenz der Sarkopenie in Deutschland unterschätzt wird und pharmakologische Optionen fehlen. Die Autoren betonten die Notwendigkeit multimodaler Therapiekonzepte. Die Ergebnisse von Immunis könnten genau jene pharmakologische Säule liefern, die bisher fehlte. Des Weiteren zeigen Studien auf PubMed immer häufiger, dass das Sekretom von mesenchymalen Stammzellen in präklinischen Modellen Muskelatrophie effektiver umkehren kann als reine Ernährungsumstellungen.

Eine umfassende Analyse im The Lancet Healthy Longevity diskutierte bereits vor einigen Jahren das Potenzial von „Senolytika“ und regenerativen Faktoren im Alterungsprozess. Die Autoren argumentierten, dass die gezielte Beeinflussung des sekretorischen Phänotyps (SASP) der Schlüssel zur Behandlung von Gebrechlichkeit sei. Die Daten von Immunis scheinen diese Hypothese nun in einer klinischen Phase-2-Umgebung zu bestätigen. Auch Veröffentlichungen im New England Journal of Medicine (NEJM) thematisieren zunehmend die biologischen Grundlagen der Gebrechlichkeit und verweisen darauf, dass systemische Entzündungen der Haupttreiber sind – genau der Mechanismus, den das Sekretom adressiert.

Ein weiterer interessanter Aspekt, der in Fachkreisen diskutiert wird und durch Daten in JAMA Network Open gestützt wird, ist die Korrelation zwischen Muskelqualität und metabolischer Gesundheit. Es reicht nicht, nur Masse aufzubauen; die metabolische Funktion des Muskels muss wiederhergestellt werden. Die Interimsdaten von Immunis deuten darauf hin, dass IMM01-STEM auch metabolische Dysfunktionen positiv beeinflusst, was für die ganzheitliche Sarkopenische Adipositas Therapie entscheidend ist.

Praxis-Anwendung & Implikationen für die Medizin

Was bedeuten diese Entwicklungen konkret für den klinischen Alltag in der Zukunft? Sollten sich die Ergebnisse in der finalen Auswertung der Phase 2 und einer anschließenden Phase 3 bestätigen, stünden wir vor einer Revolution in der geriatrischen Versorgung. Bislang beschränkt sich die ärztliche Intervention bei sarkopenischer Adipositas primär auf die Empfehlung von Physiotherapie und proteinreicher Ernährung. Die Adhärenz (Einhaltung der Therapie) ist bei dieser Patientengruppe jedoch oft gering, da Schmerzen und Erschöpfung die nötige Intensität des Trainings verhindern.

Die Verfügbarkeit eines biologischen Therapeutikums könnte folgende Szenarien ermöglichen:

  • Kombinationstherapie: Ein „Secretome-Biologic“ könnte als „Starter“ fungieren. Indem es die Entzündung senkt und die Regenerationsfähigkeit des Muskels initial steigert, könnten Patienten überhaupt erst wieder in die Lage versetzt werden, effektiv körperlich zu trainieren. Die Therapie würde also Training nicht ersetzen, sondern es wieder wirksam machen (Re-Sensibilisierung des Muskels für anabole Reize).
  • Prävention von Pflegebedürftigkeit: Wenn Sarkopenie frühzeitig pharmakologisch gebremst werden kann, ließe sich der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit um Jahre verzögern. Dies hätte massive sozioökonomische Auswirkungen.
  • Biomarker-basierte Medizin: Die Einführung solcher Therapien würde auch die Diagnostik vorantreiben. Ärzte müssten mittels DXA-Scans oder Bioimpedanzanalyse (BIA) und spezifischen Blutmarkern (z.B. Myostatin-Spiegel) Patienten identifizieren, die auf eine Sekretom-Therapie ansprechen („Precision Medicine“ in der Geriatrie).

Allerdings müssen Ärzte und Patienten auch Geduld bewahren. Die Zulassung von Biologika ist ein langwieriger Prozess, bei dem Langzeitsicherheit oberste Priorität hat. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass die im Sekretom enthaltenen Wachstumsfaktoren keine unerwünschten Gewebeveränderungen an anderen Stellen im Körper auslösen, auch wenn das Risiko geringer ist als bei Stammzellen.

Häufige Fragen (FAQ) zur Sekretom-Therapie

Im Folgenden beantworten wir die dringendsten Fragen zu diesem komplexen Thema, um ein tieferes Verständnis für die Mechanismen und die klinische Relevanz zu ermöglichen.

Was versteht man genau unter sarkopenischer Adipositas?

Die sarkopenische Adipositas ist ein komplexes klinisches Syndrom, das durch das gleichzeitige Vorhandensein von Sarkopenie (Verlust von Skelettmuskelmasse und -kraft) und Adipositas (übermäßige Fettansammlung) definiert ist. Es handelt sich nicht einfach um das Zusammentreffen zweier unabhängiger Erkrankungen, sondern um einen synergistischen Krankheitsprozess. Das Fettgewebe, insbesondere das viszerale Fett im Bauchraum, produziert entzündungsfördernde Botenstoffe (Adipokine), die den Muskelabbau beschleunigen. Gleichzeitig reduziert die schwindende Muskelmasse den Energieverbrauch des Körpers und die körperliche Aktivität, was wiederum die Fettzunahme fördert.

Diagnostisch ist dies oft schwer zu erfassen, da der hohe Körperfettanteil den Muskelschwund optisch kaschieren kann. Betroffene wirken oft „gut genährt“, sind aber physiologisch extrem gebrechlich. Dieses Phänomen wird oft als „Fat and Frail“ bezeichnet. Die Erkrankung ist mit einem signifikant höheren Risiko für Stürze, metabolische Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden, verglichen mit Patienten, die nur an Adipositas oder nur an Sarkopenie leiden. Eine effektive Sarkopenische Adipositas Therapie muss daher beide Komponenten adressieren.

Wie funktioniert das Secretome Biologic von Immunis (IMM01-STEM)?

Das von Immunis entwickelte Biologikum IMM01-STEM basiert auf dem Sekretom von kultivierten Stammzellen. Anstatt die Zellen selbst in den Patienten zu injizieren, werden die bioaktiven Faktoren, die diese Zellen produzieren, geerntet. Diese Faktoren umfassen ein breites Spektrum an Zytokinen, Wachstumsfaktoren, Chemokinen und extrazellulären Vesikeln (Exosomen). Der Wirkmechanismus ist multifaktoriell: Die Inhaltsstoffe wirken als molekulare Signalgeber, die das Mikromilieu im alternden Muskelgewebe verändern.

Erstens unterdrücken sie die chronische Entzündung (Inflammaging), die den Muskelabbau vorantreibt. Zweitens enthalten sie anabole Faktoren, die die lokalen Muskelstammzellen (Satellitenzellen) zur Teilung und Reparatur von Muskelfasern anregen. Drittens verbessern sie die Angiogenese, also die Neubildung von Blutgefäßen, was die Nährstoffversorgung des Gewebes optimiert. Man kann es sich wie einen „Regenerationsbefehl“ vorstellen, der chemisch an das Gewebe übermittelt wird, ohne dass fremde Zellen dauerhaft im Körper verbleiben müssen. Dieser Ansatz umgeht viele Risiken der klassischen Zelltherapie und ermöglicht eine präzisere Dosierung.

Was zeigen die aktuellen Phase-2-Interimsdaten konkret?

Die Interimsdaten der Phase-2-Studie STEM-META sind ein entscheidender Meilenstein. In dieser doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden ältere, adipöse Erwachsene mit IMM01-STEM behandelt. „Interimsdaten“ bedeutet, dass es sich um eine Zwischenanalyse handelt, während die Studie noch läuft oder kurz vor dem Abschluss steht. Das wichtigste Ergebnis ist laut Immunis eine „klinisch bedeutsame Verbesserung“ der körperlichen Funktion.

Dies ist besonders relevant, da in der Geriatrie die reine Zunahme von Muskelmasse oft nicht ausreicht; entscheidend ist die Verbesserung der Funktionalität. Wenn Patienten schneller gehen können, sicherer aus dem Stuhl aufstehen oder eine stärkere Handkraft entwickeln, hat dies direkte Auswirkungen auf ihre Unabhängigkeit im Alltag. Zudem deutet die Studie auf positive Effekte hinsichtlich der metabolischen Dysfunktion hin. Das bedeutet, das Medikament könnte nicht nur den Muskel stärken, sondern auch den Stoffwechsel positiv beeinflussen, was bei sarkopenischer Adipositas essenziell ist. Genauere quantitative Daten werden in der finalen Publikation erwartet, die üblicherweise in hochrangigen Journalen veröffentlicht wird.

Welche Rolle spielen Zytokine bei der Muskelregeneration?

Zytokine sind kleine Proteine, die als Botenstoffe zwischen Zellen fungieren und eine Schlüsselrolle im Immunsystem und bei der Geweberegeneration spielen. Im Kontext der Muskelregeneration haben sie eine janusköpfige (doppelseitige) Funktion. Pro-inflammatorische Zytokine wie IL-6 (Interleukin-6) und TNF-alpha (Tumornekrosefaktor-alpha) sind akut notwendig, um nach einer Verletzung Aufräumprozesse zu starten. Wenn diese jedoch chronisch erhöht sind – wie es bei sarkopenischer Adipositas durch das Viszeralfett der Fall ist –, wirken sie katabol, also muskelabbauend, und blockieren die Regeneration.

Die Sekretom-Therapie setzt hier an, indem sie anti-inflammatorische Zytokine und spezifische Wachstumsfaktoren liefert. Diese verschieben das Gleichgewicht von einem katabolen, entzündlichen Milieu hin zu einem anabolen, regenerativen Milieu. Sie „beruhigen“ das überaktive Immunsystem im Muskelgewebe und geben gleichzeitig das Signal zum Aufbau. Besonders wichtig sind dabei Faktoren wie IGF-1 (Insulin-like Growth Factor 1), der direkt die Proteinsynthese stimuliert. Das Ziel ist die Wiederherstellung der Zytokin-Homöostase (Gleichgewicht), die im Alter und bei Adipositas gestört ist.

Gibt es bereits bekannte Nebenwirkungen der Therapie?

Da es sich bei IMM01-STEM um ein biologisches Präparat handelt, gelten andere Sicherheitsüberlegungen als bei chemischen Medikamenten. Bisherige Daten aus Phase-1- und den laufenden Phase-2-Studien deuten auf ein günstiges Sicherheitsprofil hin. Da keine lebenden Zellen transplantiert werden, entfällt das Risiko der Tumorbildung (Teratom) oder der unkontrollierten Zellmigration, das bei klassischen Stammzelltherapien theoretisch besteht. Auch das Risiko einer Graft-versus-Host-Reaktion (Abstoßung) ist bei Sekretom-Produkten, die frei von zellulären Oberflächenantigenen (wie HLA) sind, minimiert.

Dennoch müssen mögliche Nebenwirkungen genau überwacht werden. Dazu gehören lokale Reaktionen an der Injektionsstelle, allergische Reaktionen auf Proteinbestandteile des Sekretoms oder theoretisch eine unerwünschte Anregung von Gewebe außerhalb des Muskels durch die systemische Verteilung der Wachstumsfaktoren. Bislang wurden laut Unternehmensangaben jedoch keine schwerwiegenden Sicherheitsbedenken (Serious Adverse Events) gemeldet, die zum Abbruch der Studie geführt hätten. Die Langzeitsicherheit wird weiterhin in den klinischen Studien und späteren Post-Market-Surveillance-Programmen überwacht werden müssen.

Wann könnte das Medikament für Patienten verfügbar sein?

Trotz der vielversprechenden Interimsdaten müssen Patienten und Ärzte realistische Erwartungen an den Zeitplan haben. Die Entwicklung von Biologika durchläuft streng regulierte Phasen. Aktuell befindet sich IMM01-STEM in der Phase 2. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Phase müssen die Ergebnisse vollständig ausgewertet und publiziert werden. Darauf folgt die entscheidende Phase-3-Studie, die in der Regel deutlich mehr Patienten (oft mehrere Hundert bis Tausend) umfasst, um die Wirksamkeit und Sicherheit statistisch zweifelsfrei zu belegen.

Eine Phase-3-Studie dauert oft 2 bis 3 Jahre. Erst nach positiven Phase-3-Daten kann ein Zulassungsantrag bei den Behörden (FDA in den USA, EMA in Europa) gestellt werden, deren Prüfung wiederum 6 bis 12 Monate in Anspruch nehmen kann. Optimistisch geschätzt könnte, sofern alle Studien erfolgreich verlaufen und keine unvorhergesehenen Sicherheitsrisiken auftreten, eine Markteinführung in etwa 4 bis 6 Jahren denkbar sein. Bis dahin ist die Teilnahme an klinischen Studien der einzige Weg für Patienten, Zugang zu dieser experimentellen Sarkopenische Adipositas Therapie zu erhalten.

Fazit & Ausblick

Die Meldung über die positiven Interimsdaten der Phase-2-Studie von Immunis markiert einen potenziellen Wendepunkt in der Behandlung altersbedingter degenerativer Erkrankungen. Die sarkopenische Adipositas, lange Zeit ein therapeutisches Stiefkind der Medizin, rückt in den Fokus innovativer biotechnologischer Ansätze. Der Übergang von der risikobehafteten Stammzelltransplantation hin zur präziseren und sichereren Sekretom-Anwendung (Cell-Free Therapy) stellt eine logische Evolution in der regenerativen Medizin dar.

Sollte sich IMM01-STEM in den weiteren klinischen Prüfungen als robust wirksam und sicher erweisen, hätten wir erstmals ein Werkzeug an der Hand, das nicht nur Symptome lindert, sondern die biologischen Ursachen des Muskelverfalls und der metabolischen Dysfunktion kausal adressiert. Für die alternden Gesellschaften wäre dies ein immenser Gewinn an Lebensqualität und Autonomie. Bis zur breiten Verfügbarkeit bleibt jedoch noch ein wissenschaftlicher Marathon zu absolvieren, den es kritisch, aber hoffnungsvoll zu begleiten gilt.

📚 Evidenz & Quellen

Dieser Artikel basiert auf aktuellen Standards. Für Fachinformationen verweisen wir auf:

→ Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns

⚠️ Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information. Er ersetzt keinesfalls die fachliche Beratung durch einen Arzt. Keine Heilversprechen.