NVIDIA & Lilly: Was bringt das neue KI-Labor?

NVIDIA Eli Lilly KI-Labor ist für viele Praxen und Patienten aktuell ein zentrales Thema.

Key-Facts: Die NVIDIA & Eli Lilly Kooperation

  • Investitionsvolumen: Bis zu 1 Milliarde US-Dollar über fünf Jahre, bereitgestellt von NVIDIA und Eli Lilly and Company.
  • Standort: Ein neues „AI Co-Innovation Lab“ in San Francisco, strategisch positioniert im Herzen des Biotech- und Tech-Clusters.
  • Technologische Basis: Nutzung der NVIDIA DGX Cloud und der NVIDIA BioNeMo Plattform für generative KI.
  • Kernziel: Beschleunigung der Wirkstoffforschung (Drug Discovery) durch den Einsatz von „Digital Biology“ und In-silico-Modellen.
  • Bekanntgabe: Die Partnerschaft wurde im Rahmen der J.P. Morgan (JPM) Healthcare Conference kommuniziert.

Die pharmazeutische Industrie steht an einem historischen Wendepunkt, der in seiner Tragweite kaum überschätzt werden kann. Jahrzehntelang folgte die Entwicklung neuer Medikamente einem linearen, extrem kostenintensiven und risikobehafteten Pfad. Das sogenannte „Eroom’s Law“ – die Beobachtung, dass die Wirkstoffentwicklung trotz technologischer Verbesserungen über die Zeit hinweg exponentiell teurer und langsamer wird – lastet schwer auf der Branche. In diesem Kontext ist die während der renommierten JPM Healthcare Conference angekündigte strategische Partnerschaft zwischen dem Pharmagiganten Eli Lilly and Company und dem Technologie-Marktführer NVIDIA mehr als nur eine gewöhnliche Unternehmensmeldung. Sie markiert den Versuch, dieses Gesetz der abnehmenden Erträge durch die massive Integration von künstlicher Intelligenz zu durchbrechen.

Das geplante NVIDIA Eli Lilly KI-Labor in San Francisco, ausgestattet mit einem Investitionsvolumen von bis zu einer Milliarde US-Dollar, zielt darauf ab, die physische Welt der Molekularbiologie mit der virtuellen Welt der Hochleistungsrechner zu verschmelzen. Das Kernproblem, das hier adressiert wird, ist die schiere Komplexität biologischer Systeme. Ein menschlicher Körper besteht aus Billionen von Zellen, die durch komplexe Signalwege kommunizieren. Traditionelle Forschungsmethoden, die oft auf „Trial-and-Error“-Verfahren im Nasslabor (Wet Lab) basieren, stoßen an ihre Grenzen, wenn es darum geht, aus Milliarden möglicher Molekülkombinationen genau jene zu identifizieren, die therapeutisch wirksam, aber nicht toxisch sind.

Die Kooperation verspricht, diese Dynamik grundlegend zu ändern, indem sie generative KI nicht nur als Hilfswerkzeug, sondern als zentralen Motor der Forschung etabliert. Es geht nicht mehr nur um die Analyse vorhandener Daten, sondern um die De-novo-Generierung völlig neuer Wirkstoffkandidaten, die in der Natur so vielleicht gar nicht vorkommen, aber perfekt in die Bindungstasche eines Zielproteins passen. Für Experten im Gesundheitswesen, von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung, stellt sich nun die dringende Frage: Ist dies der Beginn einer Ära, in der Medikamente eher „programmiert“ als „entdeckt“ werden, und welche Evidenz stützt diese gewaltigen Investitionen?

Grundlagen & Definition: Die Konvergenz von Tech und Pharma

NVIDIA Eli Lilly KI-Labor
Bild: NVIDIA Eli Lilly KI-Labor im medizinischen Kontext

Um die Tragweite des Projekts „NVIDIA Eli Lilly KI-Labor“ zu verstehen, muss man zunächst die begrifflichen und technologischen Fundamente klären. Im Zentrum steht der Begriff der Digitalen Biologie (Digital Biology). Hierbei handelt es sich um einen interdisziplinären Ansatz, der biologische Systeme als Informationssysteme betrachtet. Ähnlich wie Computer auf Binärcode basieren, basiert das Leben auf dem Code der DNA, RNA und der daraus resultierenden Aminosäuresequenzen von Proteinen. Wenn Biologie im Kern Information ist, dann können Methoden der Informatik – insbesondere des maschinellen Lernens – genutzt werden, um diese Informationen zu entschlüsseln und neu zu schreiben.

Das Herzstück der Kooperation ist die Anwendung von Generative KI Pharma-Lösungen. Anders als diskriminative KI-Modelle, die lediglich unterscheiden (z.B. „Ist dieses Bild ein Tumor oder nicht?“), können generative Modelle neue Daten erzeugen. Im Kontext der Pharmaindustrie bedeutet dies, dass Algorithmen trainiert werden, um die „Sprache“ der Proteine und Moleküle zu verstehen. Einmal trainiert, können diese Modelle Vorschläge für neue molekulare Strukturen machen, die spezifische Eigenschaften besitzen – etwa eine hohe Affinität zu einem Rezeptor oder eine gute Löslichkeit im Blutplasma.

Ein entscheidender technologischer Baustein, den NVIDIA in diese Partnerschaft einbringt, ist die BioNeMo Cloud. Dabei handelt es sich um eine generative KI-Plattform für die Wirkstoffforschung, die als Cloud-Service angeboten wird. BioNeMo ermöglicht Forschern den Zugriff auf vortrainierte Biomolekül-Modelle. Eli Lilly steuert im Gegenzug seine immense Datenbank an proprietären biologischen Daten bei. Diese Daten sind das Gold der Pharmaindustrie: Ergebnisse aus Millionen von Experimenten, die notwendig sind, um die KI-Modelle zu validieren und zu verfeinern (Fine-Tuning). Ohne hochwertige Trainingsdaten aus dem realen Labor sind selbst die besten In-silico-Modelle wertlos. Die Synergie entsteht also aus der Rechenpower und Architektur-Expertise von NVIDIA und der biologischen Domänen-Expertise und Datenhoheit von Eli Lilly.

Traditionell verläuft die Wirkstoffforschung über Hochdurchsatz-Screenings (High Throughput Screening, HTS), bei denen riesige Bibliotheken von Substanzen physisch gegen ein Zielprotein getestet werden. Dies ist zeitaufwendig und teuer. Der neue Ansatz verschiebt diesen Prozess in den Computer. Milliarden von Molekülen werden virtuell gescreent und optimiert, bevor auch nur eine einzige Pipette im Labor bewegt wird. Dies reduziert die Anzahl der notwendigen physischen Experimente drastisch und erhöht gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass die getesteten Kandidaten auch erfolgreich sind.

Physiologische & Technische Mechanismen (Deep Dive)

Um die Funktionsweise des neuen KI-Labors im Detail zu durchdringen, müssen wir uns die technischen Mechanismen der verwendeten KI-Architekturen und deren Anwendung auf physiologische Prozesse genauer ansehen. Der technologische Durchbruch basiert maßgeblich auf der Adaption von sogenannten „Large Language Models“ (LLMs), wie sie aus der Textverarbeitung bekannt sind, auf die Biochemie.

Von NLP zu Protein-Sprachmodellen:
In der natürlichen Sprachverarbeitung (NLP) lernt ein Modell, welches Wort statistisch gesehen auf eine Reihe vorheriger Wörter folgt. Übertragen auf die Biologie betrachten wir Aminosäuren als die „Wörter“ und Proteine als die „Sätze“. Proteine sind Ketten von Aminosäuren, die sich in komplexe dreidimensionale Strukturen falten. Diese 3D-Struktur bestimmt die Funktion des Proteins im menschlichen Körper (z.B. als Enzym, Rezeptor oder Antikörper). Modelle innerhalb der BioNeMo-Plattform, wie etwa ESM (Evolutionary Scale Modeling) oder AlphaFold-Derivate, haben gelernt, die Faltung von Proteinen allein anhand ihrer Aminosäuresequenz vorherzusagen.

Der In-silico-Faltungsprozess:
Die physiologische Relevanz ist immens. Wenn ein Pharmaunternehmen ein Medikament entwickeln will, muss es meist ein Molekül finden, das exakt in eine Vertiefung (Bindungstasche) eines krankheitsverursachenden Proteins passt – ähnlich wie ein Schlüssel in ein Schloss. Bisher musste die Struktur des „Schlosses“ oft mühsam mittels Röntgenkristallographie oder Kryo-Elektronenmikroskopie bestimmt werden, was Monate dauern kann. Die KI-Modelle von NVIDIA und Lilly können diese Strukturen nun innerhalb von Minuten oder Sekunden mit hoher Präzision vorhersagen. Mehr noch: Sie können „Schlüssel“ (Liganden) generieren, die theoretisch perfekt passen.

Generative Chemistry und Docking:
Ein weiterer Deep-Dive-Aspekt ist das sogenannte „Molecular Docking“. Hierbei simuliert der Computer die physikalischen Interaktionen zwischen einem Wirkstoffkandidaten und dem Zielprotein. Es werden Van-der-Waals-Kräfte, elektrostatische Interaktionen und Wasserstoffbrückenbindungen berechnet. In der BioNeMo Cloud laufen diese Simulationen massiv parallelisiert auf Tausenden von GPUs. Generative Diffusionsmodelle (ähnlich denen, die Bilder generieren) werden genutzt, um kleine Moleküle (Small Molecules) Atom für Atom so zu konstruieren, dass sie energetisch günstig an das Ziel binden. Die KI „halluziniert“ hierbei positive Lösungen unter Einhaltung physikalischer Gesetze.

Labor-in-the-Loop (Der iterative Zyklus):
Das KI-Labor in San Francisco wird jedoch nicht rein virtuell sein. Der entscheidende Mechanismus ist der „Closed-Loop“-Ansatz.
1. Design: Die KI entwirft tausende virtuelle Moleküle.
2. Filter: In-silico-Modelle filtern diese auf Toxizität, Löslichkeit und Synthetisierbarkeit.
3. Synthese: Automatisierte Robotik-Systeme synthetisieren die vielversprechendsten Kandidaten physisch.
4. Test: Diese werden biologisch getestet.
5. Feedback: Die Ergebnisse (Erfolg oder Misserfolg) fließen direkt zurück in das KI-Modell, um den Algorithmus für die nächste Runde zu verbessern.

Dieser Zyklus beschleunigt die Lernkurve der Forschung dramatisch. Fehler werden schneller erkannt, und das System „lernt“ die spezifische Biologie einer Krankheit viel schneller, als es menschliche Forscher je könnten.

Aktuelle Studienlage & Evidenz

Obwohl das spezifische Labor von NVIDIA und Eli Lilly erst angekündigt wurde, basiert das Vorhaben auf einer soliden und stetig wachsenden Evidenzlage in der wissenschaftlichen Literatur. Die Transformation der Pharmabranche durch KI ist kein theoretisches Konstrukt mehr, sondern wird durch zahlreiche Publikationen in hochrangigen Journalen gestützt.

Eine umfassende Analyse, die kürzlich im The Lancet Digital Health veröffentlicht wurde, untersuchte den Einsatz von KI in der frühen Phase der Medikamentenentwicklung. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass KI-gestützte Ansätze die Zeit bis zur Identifizierung eines präklinischen Kandidaten um bis zu 50 % verkürzen können. Besonders hervorgehoben wurde die Fähigkeit von Algorithmen, Muster in riesigen Omics-Datensätzen (Genomik, Proteomik) zu erkennen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben.

Auch das New England Journal of Medicine (NEJM) widmete sich in mehreren Artikeln und Kommentaren dem Thema „Artificial Intelligence in Medicine“. Ein Bericht diskutierte, dass die traditionelle Misserfolgsrate in klinischen Studien (etwa 90 % aller Kandidaten scheitern) oft auf eine schlechte Auswahl der Zielmoleküle (Targets) zurückzuführen ist. Daten aus dem NEJM legen nahe, dass KI-validierte Targets eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit haben, in Phase-II- und Phase-III-Studien erfolgreich zu sein, da die biologischen Hypothesen robuster sind.

Im Deutschen Ärzteblatt wurde ebenfalls über die Fortschritte der „Digitalen Biologie“ berichtet. Hier lag der Fokus oft auf den regulatorischen Herausforderungen, aber auch auf dem Potenzial für orphan diseases (seltene Erkrankungen). Da KI-Modelle die Entwicklungskosten senken können, werden Therapien für seltene Krankheiten, die bisher ökonomisch nicht rentabel waren, plötzlich machbar. Dies deckt sich mit Beobachtungen, dass In-silico-Modelle besonders effizient darin sind, bestehende Moleküle für neue Indikationen umzuwidmen (Drug Repurposing).

Eine Vielzahl von Studien auf PubMed zeigt zudem den explosiven Anstieg von Publikationen im Bereich „Generative Adversarial Networks (GANs) in Drug Discovery“. Meta-Analysen bestätigen, dass Moleküle, die von KIs entworfen wurden, oft bessere pharmakokinetische Eigenschaften aufweisen als solche, die rein zufällig in Bibliotheken gefunden wurden. Eine vielzitierten Veröffentlichung in JAMA Network Open zeigte zudem, dass die Integration von klinischen Real-World-Daten (RWD) in die frühe Forschung – ein Ansatz, den Lilly und NVIDIA verfolgen – die Lücke zwischen Labor und Patientenbett verkleinert.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich weitgehend einig, dass der Einsatz von KI in der Pharmaforschung (insbesondere durch Plattformen wie BioNeMo) nicht nur inkrementelle Verbesserungen bringt, sondern einen Paradigmenwechsel darstellt, der durch harte Daten in Peer-Reviewed Journals zunehmend validiert wird.

Praxis-Anwendung & Implikationen

Was bedeutet das NVIDIA Eli Lilly KI-Labor und die dahinterstehende Technologie nun konkret für die medizinische Praxis, für Ärzte und letztlich für die Patienten? Die Implikationen sind weitreichend und werden sich zeitversetzt, aber spürbar manifestieren.

Beschleunigte Verfügbarkeit von Therapien:
Der offensichtlichste Vorteil ist die Zeitersparnis. Aktuell dauert es im Durchschnitt 10 bis 12 Jahre, bis ein neues Medikament den Markt erreicht. Wenn die Kooperation zwischen Lilly und NVIDIA Erfolg hat und die präklinische Phase um mehrere Jahre verkürzt werden kann, gelangen lebensrettende Medikamente schneller zu den Patienten. Für Erkrankungen mit hohem ungedecktem medizinischen Bedarf – wie bestimmte Krebsarten, Alzheimer oder Antibiotikaresistenzen – kann dieser Zeitgewinn über Leben und Tod entscheiden.

Präzisionsmedizin und Personalisierung:
Die Fähigkeit der KI, biologische Daten extrem granular zu analysieren, fördert den Trend zur Präzisionsmedizin. Anstatt „Blockbuster“-Medikamente zu entwickeln, die bei allen Patienten ein bisschen wirken, ermöglicht die generative KI das Design von Wirkstoffen für spezifische Subgruppen von Patienten (Stratifizierung). In Zukunft könnten Ärzte Medikamente verschreiben, die basierend auf dem genetischen Profil des Patienten und der molekularen Struktur seines spezifischen Tumors in silico optimiert wurden. Die KI hilft dabei, die „Non-Responder“ schon vor der Behandlung zu identifizieren.

Kosteneffizienz und Zugänglichkeit:
Ein kontrovers diskutierter Punkt sind die Kosten. Die Entwicklungskosten eines neuen Medikaments liegen oft bei über 2 Milliarden Dollar. Ein Großteil dieses Geldes fließt in fehlgeschlagene Versuche. Wenn KI die Erfolgsquote erhöht und die Fehlschläge reduziert, sinken die F&E-Kosten pro erfolgreichem Medikament. Theoretisch schafft dies Spielraum für niedrigere Medikamentenpreise, wenngleich ökonomische Marktdynamiken hier natürlich eine Rolle spielen. Dennoch könnte die Technologie dazu führen, dass Therapien für Nischenindikationen überhaupt erst entwickelt werden.

Neue Anforderungen an Mediziner:
Für die Ärzteschaft bedeutet dies eine Fortsetzung des Wandels hin zur datengetriebenen Medizin. Ärzte werden zwar keine KI-Modelle programmieren müssen, aber sie müssen verstehen, wie diese Medikamente entwickelt wurden und wie die begleitenden diagnostischen Tests (Companion Diagnostics) zu interpretieren sind. Das Verständnis von „Digital Biology“ wird zunehmend Teil der medizinischen Fortbildung werden müssen.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist das primäre Ziel der Kooperation zwischen NVIDIA und Eli Lilly?

Das primäre Ziel der strategischen Partnerschaft zwischen NVIDIA und Eli Lilly ist die fundamentale Beschleunigung und Optimierung der Wirkstoffforschung durch den Einsatz generativer künstlicher Intelligenz. Durch die Gründung eines gemeinsamen KI-Labors in San Francisco wollen beide Unternehmen ihre jeweiligen Stärken bündeln: Eli Lilly bringt jahrzehntelange Erfahrung in der pharmazeutischen Forschung sowie riesige Mengen an biologischen und chemischen Daten ein, während NVIDIA die notwendige Recheninfrastruktur (DGX Cloud) und spezialisierte KI-Software (BioNeMo) bereitstellt. Konkret geht es darum, den Prozess der Identifizierung neuer Medikamentenkandidaten von einem manuellen, fehleranfälligen „Versuch-und-Irrtum“-Verfahren zu einem rationalen, datengestützten Designprozess zu transformieren. Dies soll nicht nur Zeit und Kosten sparen, sondern vor allem Therapien für Krankheiten ermöglichen, die bisher als „undruggable“ (medikamentös nicht adressierbar) galten.

Wie wird generative KI konkret in der Wirkstoffentdeckung eingesetzt?

Generative KI wird in der Wirkstoffentdeckung eingesetzt, um neue molekulare Strukturen zu „erfinden“, anstatt nur bestehende Datenbanken zu durchsuchen. Ähnlich wie generative KI-Modelle wie GPT-4 Texte schreiben können, indem sie das nächste Wort in einem Satz vorhersagen, können biochemische KI-Modelle (wie Protein-Sprachmodelle) die Sequenz von Aminosäuren vorhersagen, die nötig ist, um ein Protein mit einer bestimmten 3D-Struktur und Funktion zu bilden. Die KI kann Millionen virtueller Moleküle generieren und deren Eigenschaften simulieren – etwa wie stark sie an einen Krankheitserreger binden oder wie gut sie vom Körper aufgenommen werden. Dies umfasst das sogenannte „De-novo-Design“ von Proteinen und kleinen Molekülen sowie die Optimierung von Antikörpern, noch bevor diese physisch im Labor hergestellt werden.

Welche Vorteile bietet die Nutzung von NVIDIAs BioNeMo-Plattform?

NVIDIAs BioNeMo-Plattform bietet Pharmaunternehmen einen spezialisierten, cloudbasierten Service für generative KI im Bereich der Biologie. Der Hauptvorteil liegt in der Integration und Skalierbarkeit. BioNeMo stellt eine Sammlung von State-of-the-Art-Modellen (Foundation Models) für die Strukturvorhersage von Proteinen, die Generierung kleiner Moleküle und das Molekulardocking bereit, die bereits auf Supercomputern optimiert wurden. Forscher müssen diese komplexen Modelle nicht selbst von Grund auf trainieren oder die teure Hardware dafür vorhalten. Stattdessen können sie BioNeMo nutzen, um ihre eigenen proprietären Daten sicher in die Modelle einzuspeisen (Fine-Tuning) und Berechnungen durchzuführen, die auf herkömmlichen Servern Wochen dauern würden, aber in der NVIDIA-Cloud in Stunden erledigt sind. Es senkt somit die technologische Eintrittsbarriere für High-End-KI in der Biologie.

Wie signifikant kann KI die Entwicklungszeit neuer Medikamente verkürzen?

Die Verkürzung der Entwicklungszeit durch KI ist potenziell enorm, variiert jedoch je nach Phase der Entwicklung. In der frühen Phase der „Drug Discovery“, also von der Identifizierung eines Ziels bis zum ersten optimierten Kandidaten („Lead Optimization“), kann KI die Zeit von traditionell 4 bis 6 Jahren auf 1 bis 2 Jahre oder sogar noch weniger reduzieren. Dies geschieht durch das schnelle virtuelle Screening und die gezielte Generierung von Kandidaten, wodurch Tausende von unnötigen Laborexperimenten entfallen. Zwar lassen sich die klinischen Studien am Menschen (Phasen I-III) aus Sicherheitsgründen nicht beliebig verkürzen, doch durch bessere Kandidatenauswahl mittels KI sinkt die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns in späten Phasen, was den Gesamtprozess effizienter macht und Wiederholungsschleifen vermeidet.

Was bedeutet der Begriff ‚Digital Biology‘ für die Zukunft der Medizin?

„Digital Biology“ beschreibt den Paradigmenwechsel, biologische Prozesse primär als Informationsverarbeitung zu verstehen und mit Methoden der Informatik und Mathematik zu analysieren. Für die Zukunft der Medizin bedeutet dies, dass wir uns von einer beobachtenden Wissenschaft zu einer ingenieurwissenschaftlichen Disziplin bewegen. Biologie wird berechenbar und programmierbar. Anstatt Krankheiten nur zu beschreiben, können wir die molekularen Mechanismen simulieren und gezielt eingreifen. Dies führt zu einer Zukunft, in der Therapien am Computer designt („in silico“) und erst im zweiten Schritt im Labor verifiziert werden. Es ermöglicht eine extrem personalisierte Medizin, bei der Behandlungen auf den individuellen genetischen Code und die spezifische Proteinstruktur eines Patienten maßgeschneidert werden können, ähnlich wie Software-Updates für den Körper.

Welche potenziellen Risiken bestehen beim Einsatz von KI in der Pharmaforschung?

Trotz des enormen Potenzials birgt der Einsatz von KI auch Risiken. Ein zentrales Problem sind sogenannte „Halluzinationen“: KI-Modelle könnten Moleküle vorschlagen, die am Computer perfekt aussehen, aber in der realen Welt instabil, toxisch oder nicht synthetisierbar sind. Zudem sind KI-Modelle nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Wenn die Trainingsdaten (z.B. historische Studiendaten) fehlerhaft oder verzerrt (biased) sind, werden auch die Vorhersagen der KI verzerrt sein, was zu unwirksamen oder gefährlichen Medikamenten führen könnte. Ein weiteres Risiko besteht in der „Black Box“-Natur vieler Deep-Learning-Modelle; oft ist nicht nachvollziehbar, warum die KI eine bestimmte Entscheidung getroffen hat, was für Zulassungsbehörden wie die FDA oder EMA problematisch ist, da diese Transparenz und Erklärbarkeit fordern.

Fazit: Ein Katalysator für die nächste Generation der Medizin

Die Partnerschaft zwischen NVIDIA und Eli Lilly sowie die Gründung des gemeinsamen KI-Labors in San Francisco sind weit mehr als eine typische Industriekollaboration. Sie symbolisieren den endgültigen Einzug der High-Tech-Industrie in den Kernbereich der Life Sciences. Mit einem Investitionsvolumen von einer Milliarde Dollar wird hier nicht nur Infrastruktur geschaffen, sondern ein Ökosystem, in dem Biologen und Data Scientists Hand in Hand arbeiten, um die Grenzen des biologisch Machbaren zu verschieben.

Die Kombination aus Eli Lillys tiefer Expertise in der medizinischen Chemie und Biologie mit NVIDIAs technologischer Dominanz im Bereich der KI-Hardware und Software-Architektur (BioNeMo) hat das Potenzial, die Effizienz der Medikamentenentwicklung drastisch zu steigern. Wir bewegen uns weg von zufälligen Entdeckungen hin zu rationalem, computergestütztem Design. Zwar bleiben Herausforderungen – von der Validierung der KI-Modelle bis hin zu regulatorischen Hürden – bestehen, doch die Richtung ist klar: Die Zukunft der Pharmazie ist digital, generativ und datengetrieben. Für Patienten weltweit könnte dies der Beginn einer Ära sein, in der neue Hoffnungen schneller zur Realität werden als je zuvor.

📚 Evidenz & Quellen

Dieser Artikel basiert auf aktuellen Standards. Für Fachinformationen verweisen wir auf:

→ Ethikrat

⚠️ Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information. Er ersetzt keinesfalls die fachliche Beratung durch einen Arzt. Keine Heilversprechen.