KI in der Medikamentenentwicklung ist für viele Praxen und Patienten aktuell ein zentrales Thema.
Key-Facts: Insilico Medicine & Qilu Pharmaceutical Deal
- Vertragsvolumen: Nahezu 120 Millionen US-Dollar (ca. 110 Mio. Euro) in Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren.
- Partner: Insilico Medicine (KI-Biotech-Pionier) und Qilu Pharmaceutical Group (führender chinesischer Pharmakonzern).
- Technologie: Nutzung der proprietären Plattform Pharma.AI von Insilico Medicine.
- Fokus: Entwicklung neuartiger „Small-Molecule“-Therapien (niedermolekulare Wirkstoffe).
- Indikation: Kardiometabolische Erkrankungen (Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen).
- Ziel: Beschleunigung der klinischen Entwicklung durch generative künstliche Intelligenz.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Der Paradigmenwechsel in der modernen Pharmakologie
- Grundlagen & Definition: Generative KI trifft auf Pharmazeutische Chemie
- Physiologische & Technische Mechanismen (Deep Dive)
- Aktuelle Studienlage & Evidenz (Journals)
- Praxis-Anwendung & Implikationen
- Häufige Fragen (FAQ)
- Fazit und Ausblick
Einleitung: Der Paradigmenwechsel in der modernen Pharmakologie

Die pharmazeutische Industrie steht an einem historischen Wendepunkt, der in seiner Tragweite mit der Einführung der industriellen Synthesechemie im 19. Jahrhundert oder dem Aufkommen der Biotechnologie in den 1980er Jahren vergleichbar ist. Traditionell ist die Entdeckung und Entwicklung neuer Medikamente ein Prozess, der durch extrem hohe Attritionsraten (Ausfallraten), exorbitante Kosten und langwierige Zeiträume gekennzeichnet ist. Branchenüblich rechnet man mit einem Zeitraum von 10 bis 15 Jahren und Kosten von über 2,5 Milliarden US-Dollar, um ein einziges neues Molekül vom Labor zur Marktreife zu bringen. Dieses als „Eroom’s Law“ bekannte Phänomen – die Beobachtung, dass die Medikamentenentwicklung trotz technologischen Fortschritts immer teurer und langsamer wird – droht nun durch den massiven Einsatz von KI in der Medikamentenentwicklung durchbrochen zu werden.
Ein aktuelles und besonders signifikantes Beispiel für diese Disruption ist die strategische Partnerschaft zwischen Insilico Medicine, einem Pionier im Bereich der klinischen KI-gesteuerten Biotechnologie, und der Qilu Pharmaceutical Group, einem der Schwergewichte der chinesischen Pharmabranche. Der Abschluss dieses Deals, der ein Volumen von nahezu 120 Millionen US-Dollar umfasst, signalisiert weit mehr als nur eine finanzielle Transaktion zwischen zwei Unternehmen. Er ist ein valider Indikator für das wachsende Vertrauen etablierter Pharmaakteure in die generative künstliche Intelligenz als primäres Werkzeug der Wirkstofffindung. Während KI in der Vergangenheit oft nur als unterstützendes Tool für Datenanalysen am Rande betrachtet wurde, rückt sie nun in das Zentrum der Wertschöpfungskette.
Im Fokus dieser spezifischen Kooperation stehen kardiometabolische Erkrankungen. Diese Gruppe von Krankheitsbildern, die Herz-Kreislauf-Probleme mit metabolischen Störungen wie Diabetes mellitus und Adipositas verknüpft, stellt eine der größten globalen Gesundheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. Die Komplexität der physiologischen Regelkreise bei Stoffwechselerkrankungen macht die Identifikation geeigneter Zielstrukturen (Targets) mit herkömmlichen Methoden oft zu einem Glücksspiel. Hier setzt die Allianz an: Durch die Kombination von Insilicos validierter Pharma.AI-Plattform mit der klinischen Entwicklungsexpertise und den kommerziellen Kapazitäten von Qilu soll der Prozess der Target-Identifikation und der Molekül-Optimierung radikal verkürzt werden. Dieser Artikel wird im Detail beleuchten, wie dieser technologische Sprung funktioniert, welche wissenschaftliche Evidenz ihn stützt und was dies konkret für die Zukunft der Medizin bedeutet.
Grundlagen & Definition: Generative KI trifft auf Pharmazeutische Chemie
Um die Tragweite des 120-Millionen-Dollar-Deals vollständig zu erfassen, ist es unabdingbar, die technologischen Grundlagen der beteiligten Systeme zu verstehen. Wenn wir heute von KI in der Medikamentenentwicklung sprechen, meinen wir in den fortschrittlichsten Fällen nicht mehr bloße Mustererkennung in Patientendaten, sondern den Einsatz von generativer künstlicher Intelligenz. Im Gegensatz zur diskriminativen KI, die lediglich unterscheidet (z.B. „Ist dieses Molekül toxisch: Ja/Nein?“), ist generative KI in der Lage, völlig neue Daten – in diesem Fall chemische Strukturen – zu erschaffen, die es in der Natur bisher nicht gab.
Die Plattform Insilico Medicine Pharma.AI repräsentiert hierbei die Speerspitze der technologischen Entwicklung. Sie fungiert als eine End-to-End-Lösung, die verschiedene Phasen der präklinischen Forschung automatisiert und intellektuell augmentiert. Man kann sich diese Plattform als ein dreistufiges Raketensystem vorstellen: Zunächst muss das biologische Ziel (Target) identifiziert werden, das für eine Krankheit verantwortlich ist. Zweitens muss ein Molekül generiert werden, das an dieses Ziel bindet. Drittens muss der Erfolg in klinischen Studien vorhergesagt werden, um Fehlschläge zu minimieren.
In der traditionellen pharmazeutischen Wirkstoffforschung (High-Throughput Screening) testen Forscher Millionen von bereits existierenden Substanzen in physischen Bibliotheken, in der Hoffnung, einen „Hit“ zu landen. Dies gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die generative KI hingegen dreht diesen Prozess um: Sie sucht nicht, sie „designet“. Algorithmen, ähnlich denen, die fotorealistische Bilder von Menschen erzeugen können (Generative Adversarial Networks, GANs), werden hier genutzt, um molekulare Strukturen zu entwerfen, die exakt in die Bindungstasche eines Proteins passen. Dies führt zu einer drastischen Klinische Studien Beschleunigung, da die vorgeschlagenen Kandidaten bereits vor der Synthese im Computer auf Eigenschaften wie Löslichkeit, Bioverfügbarkeit und Toxizität optimiert wurden.
Die Qilu Pharmaceutical Partnerschaft nutzt genau diesen Vorteil. Anstatt Jahre mit dem Screening von Bibliotheken zu verbringen, generiert die KI von Insilico Medicine neuartige „Small Molecules“ (kleine Moleküle, die in Zellen eindringen können), die speziell auf die komplexen metabolischen Pfade kardiometabolischer Erkrankungen zugeschnitten sind. Qilu bringt im Gegenzug die notwendige Infrastruktur für die Synthese, die nasschemische Validierung und die späteren Phasen der klinischen Prüfung ein. Es ist eine Symbiose aus digitaler Kreation und biologischer Verifikation.
Physiologische & Technische Mechanismen (Deep Dive)
Der technische Unterbau, der Deals wie diesen ermöglicht, ist hochkomplex und beruht auf dem Zusammenspiel verschiedener Deep-Learning-Architekturen. Um die Mechanismen der Pharma.AI-Plattform im Detail zu verstehen, müssen wir tief in die molekularbiologische Datenverarbeitung eintauchen. Der Prozess beginnt weit vor der eigentlichen Chemie, nämlich bei der Biologie der Krankheit selbst. Bei kardiometabolischen Erkrankungen sind oft hunderte von Genen und Proteinen in dysfunktionalen Netzwerken involviert. Die KI nutzt hierbei sogenannte „Omics“-Daten (Genomik, Proteomik, Transkriptomik) aus riesigen öffentlichen und proprietären Datenbanken.
1. Target Discovery mittels NLP und Graphen-Theorie
Im ersten Schritt scannt die KI nicht nur biologische Rohdaten, sondern liest mittels Natural Language Processing (NLP) Millionen von wissenschaftlichen Publikationen, Patenten und Forschungsberichten. Sie erstellt Wissensgraphen, die Verbindungen zwischen Krankheiten, Genen und Proteinen aufzeigen, die für einen menschlichen Forscher in dieser Fülle niemals überschaubar wären. Für die Partnerschaft mit Qilu bedeutet dies, dass die KI möglicherweise ein Protein als Zielstruktur identifiziert, das bisher im Kontext von Herzerkrankungen übersehen wurde, aber eine hohe Wahrscheinlichkeit besitzt, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, ohne schwere Nebenwirkungen auszulösen.
2. De-Novo-Moleküldesign durch GANs und Reinforcement Learning
Sobald das Ziel (Target) definiert ist, kommt die eigentliche Magie der generativen KI zum Tragen. Hier werden oft Generative Adversarial Networks (GANs) eingesetzt. Ein GAN besteht aus zwei neuronalen Netzen: einem „Generator“, der neue molekulare Strukturen entwirft, und einem „Diskriminator“, der bewertet, ob diese Struktur realistisch ist und die gewünschten pharmakologischen Eigenschaften besitzt. Diese beiden Netze trainieren sich gegenseitig in einem evolutionären Wettbewerb, bis der Generator Moleküle erzeugt, die perfekt sind.
Parallel dazu wird Reinforcement Learning (bestärkendes Lernen) eingesetzt. Dabei erhält der Algorithmus eine „Belohnung“, wenn das generierte Molekül bestimmte Kriterien erfüllt (z.B. hohe Bindungsaffinität an den Rezeptor, geringe Toxizität für die Leber, gute orale Verfügbarkeit). In der Kooperation zur Bekämpfung kardiometabolischer Erkrankungen bedeutet dies, dass die KI Millionen virtueller Moleküle „synthetisiert“ und verwirft, bis sie Kandidaten findet, die nicht nur theoretisch wirken, sondern auch chemisch synthetisierbar sind. Dies ist ein entscheidender Faktor, da viele theoretisch perfekte Moleküle im Labor nicht oder nur extrem teuer herzustellen wären.
3. Vorhersage klinischer Erfolgswahrscheinlichkeiten
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt der Plattform ist die Vorhersage des klinischen Erfolgs. Historisch gesehen scheitern ca. 90% aller Medikamente, die in die klinische Phase I eintreten. Insilico Medicine nutzt Algorithmen, um basierend auf den Eigenschaften des Moleküls und dem Design der geplanten Studie die Erfolgswahrscheinlichkeit zu berechnen (InClinico). Dies ermöglicht es Partnern wie Qilu, Ressourcen nur auf die vielversprechendsten Kandidaten zu konzentrieren und „Rohrkrepierer“ frühzeitig auszusortieren, bevor Millionen in klinische Tests fließen.
Aktuelle Studienlage & Evidenz (Journals)
Die Euphorie um KI in der Wirkstoffforschung stützt sich nicht nur auf Pressemitteilungen, sondern zunehmend auf harte Daten in renommierten Peer-Review-Journalen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft beobachtet die Validierung dieser Technologien mit Argusaugen.
Eine wegweisende Analyse, die im New England Journal of Medicine (NEJM) diskutiert wurde, hebt hervor, dass KI-gestützte Ansätze die Zeitspanne von der Target-Identifizierung bis zur Nominierung eines präklinischen Kandidaten von durchschnittlich 4-5 Jahren auf unter 18 Monate verkürzen können. Diese Zeitersparnis ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern rettet in der Konsequenz Menschenleben durch schnellere Verfügbarkeit von Therapien.
Des Weiteren zeigen Daten, die im Kontext von Veröffentlichungen in The Lancet Digital Health besprochen wurden, dass Moleküle, die mittels KI selektiert wurden, eine signifikant höhere Erfolgsquote in Phase-I-Studien aufweisen als solche, die durch traditionelle Methoden gefunden wurden. Dies wird darauf zurückgeführt, dass KI-Modelle multimodale Daten (Genetik, Strukturchemie, klinische Phänotypen) integrativ verarbeiten können, was menschlichen Teams aufgrund der Datenmenge oft verwehrt bleibt.
Auch das Deutsche Ärzteblatt berichtete bereits über die Fortschritte in der KI-Medizin und betonte dabei, dass insbesondere die „De-novo“-Generierung von Wirkstoffen das Potenzial hat, bisher als „undruggable“ (nicht medikamentös behandelbar) geltende Proteine zugänglich zu machen. Studien auf PubMed belegen zudem, dass die Vorhersagegenauigkeit für Toxizität – ein Hauptgrund für das Scheitern von Medikamenten – durch Deep-Learning-Algorithmen mittlerweile die Genauigkeit von Tierversuchen in bestimmten Teilbereichen erreicht oder sogar übertrifft.
Eine spezifische Veröffentlichung in Nature Biotechnology (oft zitiert im Kontext von Insilico Medicine) demonstrierte eindrucksvoll, wie das Unternehmen innerhalb von nur 46 Tagen einen potenten Inhibitor für ein Fibrose-Target identifizierte, designte und in Tierversuchen validierte – ein Prozess, der konventionell Jahre gedauert hätte. Solche Präzedenzfälle liefern die wissenschaftliche Rechtfertigung für Investitionen in Höhe von 120 Millionen Dollar, wie wir sie nun bei Qilu sehen.
Praxis-Anwendung & Implikationen
Was bedeutet dieser abstrakte Deal und die Technologie dahinter konkret für die medizinische Versorgung? Die Implikationen der Partnerschaft zwischen Insilico Medicine und Qilu Pharmaceutical reichen weit über die Labortüren hinaus und werden langfristig den klinischen Alltag von Ärzten und die Lebensqualität von Patienten beeinflussen.
Für den Patienten: Der offensichtlichste Vorteil ist die Geschwindigkeit. Patienten mit komplexen kardiometabolischen Erkrankungen, für die es derzeit keine adäquaten Therapien gibt, könnten Jahre früher Zugang zu neuen Medikamenten erhalten. Zudem verspricht die KI-Entwicklung wirksamere Medikamente mit weniger Nebenwirkungen. Da die KI Moleküle so optimieren kann, dass sie hochspezifisch nur an das gewünschte Zielprotein binden und andere („Off-Target“) Strukturen ignorieren, sinkt das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Dies ist gerade bei Langzeittherapien im metabolischen Bereich essentiell.
Für den behandelnden Arzt: Die Ära der „One-size-fits-all“-Medizin nähert sich dem Ende. KI ermöglicht eine stärkere Stratifizierung von Patientengruppen. Zukünftige Medikamente, die aus solchen Kooperationen hervorgehen, könnten für spezifische molekulare Untergruppen von Krankheiten maßgeschneidert sein. Der Arzt der Zukunft wird also präzisere Werkzeuge an die Hand bekommen, was jedoch auch eine höhere Anforderung an das Verständnis molekularer Zusammenhänge in der Diagnostik stellt.
Ökonomische Implikationen: Wenn Entwicklungskosten sinken, entsteht – zumindest theoretisch – Spielraum für niedrigere Medikamentenpreise oder für die Entwicklung von Medikamenten für seltenere Erkrankungen, die sich bisher ökonomisch nicht rentierten. Der 120-Mio-Deal zeigt, dass Pharmaunternehmen bereit sind, hohe Summen in die Technologie zu investieren, um langfristig Kosten zu sparen. Dies könnte den enormen Kostendruck auf die Gesundheitssysteme mittelfristig dämpfen.
Häufige Fragen (FAQ)
Im Folgenden beantworten wir die wichtigsten Fragen zu diesem wegweisenden Deal und der zugrundeliegenden Technologie im Detail.
Was beinhaltet der Deal zwischen Insilico Medicine und Qilu Pharmaceutical?
Die strategische Partnerschaft zwischen Insilico Medicine und der Qilu Pharmaceutical Group ist eine der bedeutendsten Kooperationen im Bereich der KI-gestützten Wirkstoffforschung in Asien. Der Deal hat einen Gesamtwert von fast 120 Millionen US-Dollar. Diese Summe setzt sich nicht aus einer einmaligen Vorauszahlung zusammen, sondern strukturiert sich typischerweise in eine „Upfront“-Zahlung, gefolgt von diversen Meilensteinzahlungen (Milestones). Diese Meilensteine sind an den Erfolg geknüpft: Werden bestimmte Entwicklungsziele erreicht – etwa die erfolgreiche Synthese eines Kandidaten, der Eintritt in die klinische Phase oder die Marktzulassung – fließen weitere Tranchen. Darüber hinaus erhält Insilico Medicine Lizenzgebühren (Royalties) auf die zukünftigen Umsätze der entwickelten Medikamente. Inhaltlich erhält Qilu Zugriff auf Insilicos KI-Plattform Pharma.AI, um spezifisch Kandidaten für kardiometabolische Erkrankungen zu identifizieren und zu optimieren. Qilu übernimmt im Gegenzug die Verantwortung für die klinische Entwicklung und Kommerzialisierung.
Wie funktioniert generative KI in der modernen Wirkstoffforschung?
Generative KI in der Wirkstoffforschung unterscheidet sich fundamental von analytischer KI. Während analytische KI bestehende Daten auswertet (z.B. „Ist dieses Bild ein Tumor?“), erschafft generative KI neue Daten. Man kann sich das vorstellen wie den Unterschied zwischen einem Kunstkritiker (analytisch) und einem Künstler (generativ). In der Pharmazie nutzt man dazu Modelle wie Generative Adversarial Networks (GANs) oder Transformer-Modelle. Die KI wird mit Millionen bekannter chemischer Strukturen und deren biologischen Wirkungen trainiert. Sie lernt die „Grammatik“ der Chemie. Wenn Forscher nun ein Zielprotein definieren (das Schloss), generiert die KI tausende potenzieller Molekülstrukturen (Schlüssel), die theoretisch passen könnten. Dabei „träumt“ die KI förmlich neue Moleküle, die so in der Natur oder in Datenbanken noch nie existiert haben. Diese werden dann virtuell auf Eigenschaften wie Bindungsstärke, Löslichkeit und Toxizität getestet, bevor auch nur ein einziges Experiment im Labor durchgeführt wird.
Welche konkreten Vorteile bietet die KI-Plattform Pharma.AI?
Die Plattform Pharma.AI von Insilico Medicine bietet einen integrierten, dreistufigen Vorteil, der den gesamten präklinischen Prozess abdeckt. Erstens ermöglicht das Modul „PandaOmics“ die Identifikation neuartiger Zielstrukturen (Targets) durch die Analyse riesiger Mengen an Omics-Daten und Texten, wodurch Krankheitsmechanismen aufgedeckt werden, die menschlichen Forschern entgehen könnten. Zweitens nutzt das Modul „Chemistry42“ generative KI, um de novo Moleküle zu designen, die perfekt auf diese Targets passen. Der Vorteil hier ist die Multiobjektiv-Optimierung: Die KI optimiert nicht nur auf Wirksamkeit, sondern gleichzeitig auf Sicherheit und metabolische Stabilität. Drittens bietet das Modul „InClinico“ Vorhersagen über den Ausgang klinischer Studien. Zusammengefasst führt dies zu einer massiven Zeitersparnis, einer Kostenreduktion und einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass ein Medikamentenkandidat die strengen klinischen Prüfungen besteht.
Warum investieren Pharmariesen wie Qilu massiv in künstliche Intelligenz?
Pharmakonzerne wie Qilu Pharmaceutical stehen unter enormem Druck. Die Patentlaufzeiten für Blockbuster-Medikamente laufen ab (Patent Cliff), und die Entwicklung neuer Medikamente wird mit herkömmlichen Methoden immer teurer und ineffizienter (Eroom’s Law). Die Investition in KI ist daher keine Modeerscheinung, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. KI bietet den einzigen realistischen Ausweg aus dem Dilemma steigender F&E-Kosten bei sinkendem Output. Durch Partnerschaften wie die mit Insilico Medicine erkaufen sich traditionelle Pharmaunternehmen Zugang zu Spitzentechnologie, ohne diese Jahre lang intern aufbauen zu müssen. Sie sichern sich damit Wettbewerbsvorteile, beschleunigen ihre Pipeline und minimieren das Risiko teurer Fehlschläge in späten Studienphasen. Es ist eine strategische Wette auf die Zukunft, in der Daten das neue Gold der Pharmaindustrie sind.
Wie stark kann KI den Zeitraum der Medikamentenentwicklung verkürzen?
Die Zeitersparnis durch den Einsatz von KI ist dramatisch, insbesondere in den frühen Phasen der Entwicklung. Traditionell dauert die Phase der „Discovery“ und präklinischen Entwicklung – also vom Verständnis der Krankheit bis zum ersten Test am Menschen – etwa 4 bis 6 Jahre. Mit fortschrittlichen KI-Plattformen wie Pharma.AI konnte dieser Zeitraum in dokumentierten Fällen auf unter 18 Monate, teilweise sogar auf unter 12 Monate reduziert werden. Dies wird erreicht, indem das jahrelange iterative „Trial-and-Error“-Screening im Labor durch schnelle In-silico-Simulationen ersetzt wird. Auch wenn die klinischen Studien am Menschen (Phase I-III) selbst aus Sicherheitsgründen nicht beliebig verkürzt werden können, bedeutet eine Beschleunigung der frühen Phase um mehrere Jahre, dass lebensrettende Medikamente deutlich schneller beim Patienten ankommen und die Patentlaufzeit effektiver genutzt werden kann.
Welche Erfolgsraten zeigen KI-generierte Moleküle in klinischen Studien?
Obwohl das Feld noch relativ jung ist, deuten erste Daten auf signifikant verbesserte Erfolgsraten hin. In der traditionellen Pharmaforschung liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kandidat, der in die klinische Phase I eintritt, jemals den Markt erreicht, bei unter 10%. KI-generierte Moleküle scheinen hier besser abzuschneiden, da viele Gründe für das Scheitern (z.B. Toxizität, schlechte Bioverfügbarkeit oder mangelnde Wirksamkeit am Target) bereits im Vorfeld durch die KI herausgefiltert wurden. Insilico Medicine hat beispielsweise mit seinem Leitkandidaten für idiopathische Lungenfibrose gezeigt, dass ein vollständig von KI entdecktes und designtes Molekül erfolgreich die Phase I und Phase IIa Studien durchlaufen kann. Die KI hilft dabei, „False Positives“ frühzeitig zu eliminieren, sodass nur Kandidaten mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit in die teuren Studien am Menschen gelangen.
Fazit und Ausblick
Der 120-Millionen-Dollar-Deal zwischen Insilico Medicine und Qilu Pharmaceutical ist mehr als eine Unternehmensnachricht; er ist ein Symbol für die tiefgreifende Transformation der biomedizinischen Forschung. Wir bewegen uns weg von der zufallsbasierten Entdeckung hin zum rationalen, datengesteuerten Design von Heilmitteln. Die Konvergenz von generativer künstlicher Intelligenz und fortgeschrittener Molekularbiologie hat das Potenzial, die Effizienzkurve der Pharmaindustrie nach Jahrzehnten der Stagnation wieder nach oben zu biegen.
Für die Behandlung kardiometabolischer Erkrankungen eröffnet diese Partnerschaft konkrete Hoffnung auf neue, präzisere Therapieoptionen in naher Zukunft. Während Kritiker zu Recht darauf hinweisen, dass die klinische Validierung am Menschen der ultimative Goldstandard bleibt, den auch keine KI überspringen kann, so liefert die Technologie doch bessere „Startspieler“ für dieses entscheidende Match gegen die Krankheit. Wenn sich die Versprechungen der Pharma.AI-Plattform auch in den groß angelegten Studien von Qilu bewahrheiten, stehen wir am Beginn einer Ära, in der Medikamente so schnell und präzise entwickelt werden können, wie wir es heute kaum zu träumen wagen. Für Ärzte, Forscher und vor allem Patienten sind dies ausgesprochen gute Nachrichten.
📚 Evidenz & Quellen
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🧬 Wissenschaftliche Literatur
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