Neuland: Was wirklich geschah

Es klingt völlig unglaubwürdig: Am 24. September bebt um 16:29 Uhr Ortszeit in Pakistan die Erde. Wenig später blubbert im Arabischen Meer Schlamm empor, der sich immer höher aufbäumt. Eine neue Insel entsteht, die am Ende einen Durchmesser von über 80 Meter besitzt und sich 20 Meter über dem 20 Meter tiefen Wasser erhebt.

National Institute of Oceanography, Pakistan
NASA EO / National Institute of Oceanography, Pakistan

Zunächst, wenn es noch jemand nicht bemerkt hat: Unsere Landschaft ist nicht statisch, sondern wandelt sich beständig. Ozeane knabbern an den Küsten, Gebirge heben sich, bröseln dann vor sich hin und ganze Kontinente driften mal voneinander weg, mal aufeinander zu. Dabei geht vieles zu Bruch. Warum sollte nicht ab und zu auch eine neue Insel wachsen?

Ein neues Eiland ist nichts Besonderes – es passiert alle paar Jahre. In gesammelten Jahresberichten des US Geological Survey (USGS) finden sich etliche Berichte über neue Inseln, die plötzlich erschienen. Nicht immer waren sie für die Ewigkeit gedacht:

„The dimensions of the new island were 50 by 70 m, but as it was formed of clay and volcanic ash it was rapidly eroded by the waves.“
USGS Geophysical Abstracts, 1957

Insel ist aber nicht gleich Insel – und auch die Prozesse variieren, mit denen sie aus dem Wasser gehoben werden:

Der Shooting Star unter den Neuinseln ist wohl Surtsey: Am 14. November 1963 schieben sich Asche und Lavaausflüsse eines Unterwasservulkans über die Wasseroberfläche. Das neue Land schließt sich den Westmännerinseln an und ist von nun an der südlichste Punkt Islands. Die Eruption dauert über dreieinhalb Jahre, an deren Ende die Inselfläche 2,7 Quadratkilometer erreicht. Obwohl die Erosion bis heute schon fast die Hälfte dieser Fläche geraubt hat, ist Surtsey ein spannendes Studiengebiet, weil sich dort in schneller Folge diverse Pflanzen- und Tierarten ansiedelten. Die vulkanische Aktivität vor Islands Küsten entsteht, weil die Insel auf dem Mittelozeanischen Rücken und gleichzeitig auf einem Hotspot liegt, der heißes Material aus dem Erdmantel fördert.


Im August 2006 fährt die Yacht Maiken im Südpazifik durch Schwaden aus Bims, also leichten und schwimmfähigen vulkanischen Teilchen. Wenig später entdecken die Segler eine rauchende Insel am Horizont (und verbloggen das sofort). Die Insel ist nun Teil der Tonga-Gruppe und liegt über dem untermeerischen Vulkan Home Reef. Der hatte sich bereits 1852, 1857 und 1984 über den Meeresspiegel erhoben – und eine maximal 0,5 mal 1,5 Kilometer große Insel gebildet.

NASA images created by Jesse Allen, Earth Observatory
NASA images created by Jesse Allen, Earth Observatory

Vulkane scheinen also recht erfolgreiche Inselnbildner zu sein – vor der Makran-Küste Pakistans war aber nur ein Erdbeben beteiligt, dessen Epizentrum 380 Kilometer (!) weiter landeinwärts lag. Die Insel ist zwar schlammig, aber begehbar. Angeblich duftet sie etwas faulig. Die Küste vor Pakistan ist schon bekannt dafür, neue Inseln wachsen zu lassen: Bei einem schweren Beben (M8,0) am 27. November 1945 kamen gleich vier neue Inseln zum Vorschein. Die letzte neue Insel entstand 2011.

CC-BY-SA 3.0 / Joshua Doubek / Wikimedia Commons
CC-BY-SA 3.0 / Joshua Doubek / Wikimedia Commons

Verantwortlich dafür ist eine Subduktionszone: Die arabische Platte schiebt sich am persischen Golf unter die eurasische Platte. Wo die Platte absinkt, entsteht ein Akkretionskeil: Die absinkende Platte erzeugt einen Graben, der sich mit Sedimenten gefüllt hat. Dieses Sediment wurde dabei gequetscht und gefaltet. Es enthält viele abgestorbene Organismen, die sich teilweise schon zu Kohlenwasserstoffgas zersetzt haben.

Andere Quellen sagen, dass sich aus tiefer liegenden Magmakammern vulkanische Gase lösen, die das Grundwasser versauern, das wiederum das Gestein zu einer tonig-matschigen Masse zersetzt.

Wie auch immer: Dieses Gas steht unter Druck – und reagiert entsprechend empfindlich auf Erschütterungen. Dann sucht das (stinkende) Sediment den Weg des geringsten Widerstands und blubbert wie ein Schlammvulkan an die Oberfläche. Auch Tsunamis durch untermeerische Hangrutsche in dieser Region dürften wohl mit dem empfindlich gelagerten Gas zusammenhängen.

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Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.

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